Frauke Peters

Demokratie als Zumutung?

Frauke Peters

Vom Delegieren und Vorleben

Neulich traf ich bei einer Veranstaltung einen Gemeinschaftskundelehrer, der sich aufgebracht darüber beschwerte, dass er und seine Fachgruppe den „Leitfaden Demokratieerziehung des Kultusministeriums umsetzen sollten: „Das jetzt auch noch!, stöhnte er. Irritiert fragte ich mich, was da schiefgelaufen war. Jetzt auch noch Demokratieerziehung? Das wurde als Last empfunden? Genau das ist doch die ureigene Aufgabe von Gemeinschaftskundelehrkräften! Allmählich erst erkannte ich, was passiert war: Der Schulleiter hatte die Vorgabe des Ministeriums kommentarlos und ohne Gespräch oder Begründung als Aufgabe delegiert und der Lehrer als Vorsitzender dieser Fachgruppe war nun dafür verantwortlich, ein Konzept für die Schule zu entwickeln.
Wir leben in Zeiten, in denen wir uns Sorgen machen um die Demokratie. Erziehung im postfaktischen Zeitalter kann heißen, dass Kinder in Politikferne, mit Politikerschelte, wachsenden Vorurteilen, Meinungsmache über Soziale Medien und geprägt von der Haltung, dass das eigene Wohl wichtiger sei als das Gemeinwohl, aufwachsen. Die Stärke einer Demokratie offenbart sich in Krisenzeiten und in diesen braucht sie Unterstützung.
Muss sich Schule nun dessen auch noch annehmen? Ja, das muss sie und die Aufgabe von Schulleiterinnen und Schulleiter ist, dabei voranzugehen.
Demokratieerziehung geht alle an!
Im genannten Fall könnte dies heißen, dass die Vorgabe des Ministeriums auf einer Konferenz von der Schulleitung vorgestellt wird, der „status quo des Schullebens erhoben und ein Austausch im Kollegium darüber angeregt wird, wo und wie denn Demokratieerziehung stattfindet und vermehrt stattfinden kann. Wenn daran anschließend die Fachgruppe den Auftrag für eine Konzeption erhält, hat der eingangs erwähnte Vorsitzende Rückhalt im Kollegium sowie eine Grundlage, auf der die Fachgruppe mit ihren Vorschlägen aufbauen kann. Demokratieerziehung beginnt im Zusammenleben der Kinder und Jugendlichen sowie der Lehrkräfte und der Lernenden auf jeder Klassenstufe. Sie zeigt sich in der Partizipation von Schülerinnen und Schülern im Schulleben und endet im Sach- bzw. im Fachunterricht.
Dazwischen aber liegt eine ganze Bandbreite an Möglichkeiten. Dabei sind der erhobene Zeigefinger oder das Moralisieren der falsche Weg. Bereits für die Grundschule, die nach der Kita und dem Kindergarten die Möglichkeit hat, mögliche Defizite in der Primärsozialisation aufzugreifen, gibt es spielerische Hilfen für das Zusammenleben, z.B. „Hanisauland von der Bundeszentrale für Politische Bildung oder http://www.kinderdemokratie.de des Göttinger Instituts für Demokratieforschung. Die Schule bildet als Mikrokosmos das große Ganze der Demokratie ab, und nur, wenn Demokratie gelebt wird, kann sie vital in den Köpfen und im Tun weiter gedeihen. Warum nicht ein ganzer Projekttag als Anschub zu diesem Thema? Aber bitte nicht als Schuljahresendveranstaltung!
Politische Bildung bedeutet, politisches Wissen zu vermitteln, dies ist vornehmlich die Aufgabe des Fachunterrichts. Auf dieser Grundlage geht es weiter darum, den kritischen Geist und die Urteilsfähigkeit der Lernenden auf der Basis von Fakten und Argumenten zu stärken. Dies und die Verankerung von Werten, wie etwa Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit, sowie demokratische Grundlagen sind überfachliche Themen und werden nur glaubwürdig vermittelt werden können, wenn sie auch gelebt werden. Lehrkräfte machen ihre eigene Meinung transparent und stellen sich der Argumentation und Debatte in entsprechenden kontroversen Unterrichtssettings. Argumentieren auf der Basis von Fakten zu trainieren, ist mehr denn je generell ein erstrebenswertes und überfachliches Ziel im schulischen Leben.
Demokratie im Selbstverständnis der Schule?
Auch Schulleiterinnen und Schulleiter sind gefordert im Umgang mit dem Kollegium, den Lernenden und den Eltern. Hier kann eine Schulleitung nicht mehr verlangen, als sie...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 18 / 2019

Krisenmanagement – Kühler Kopf im Kollektiv

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13