Holger Lindemann

Damit Inklusion gelingen kann

Holger Lindemann

14 Grundvoraussetzungen für die Schulleitung

Aus meiner Erfahrung in der Beratung, Begleitung und Unterstützung von Schulen auf ihrem Weg zur Inklusion fasse ich hier Grundvoraussetzungen und Gelingensbedingungen für schulische Entwicklungsprozess zusammen. Ergänzt habe ich diese Sammlung mit Zitaten von Schulleitungen, mit denen ich zusammengearbeitet habe.
1. Beziehen Sie sich immer auf eine umfassende Definition von Inklusion.
Bei Inklusion geht nicht nur um die Teilhabe von Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigung an der allgemeinbildenden Schule. Inklusion bedeutet die Teilhabe aller Menschen an allen Lebensbereichen der Gesellschaft. Sie umfasst daher alle Formen der Diversität (bezogen auf Geschlecht, Alter, Herkunft, sozioökonomischen Status, Lebensstil, Weltanschauung etc.) und alle Lebensbereiche (z.B. Bildung, Arbeit, Freizeit, Wohnen). Wird dieses zentrale und umfassende Element der Inklusion nicht beachtet, betrifft sie nicht mehr ein allgemeines Menschenrecht, sondern wird auf ein Sonderrecht für beeinträchtigte Kinder und Jugendliche reduziert. Fokussieren Sie nicht auf Klientelpolitik, sondern auf die große, alle Menschen betreffende, Vision gesellschaftlichen Zusammenlebens.
„Als ich dann dem Kollegium klarmachen konnte, es geht um die Jungs und die Mädchen, um die mit wenig Geld, um die Schüchternen und die Wilden, und auch um die Eltern, die Alleinerziehenden, die, die nur schlecht Deutsch können und auch um uns im Kollegium, die Jungen und die Alten, da kam das erst ins Rollen. Vorher dachten viele: ‚Inklusion, das ist ja nur für behinderte Kinder. Und was ist mit den anderen?‘“
2. Reden Sie nicht über Inklusion, sondern über Teilhabe, Chancengleichheit und Menschenrechte.
Inklusion ist ein schwerst mehrfach missverständlicher Fachbegriff. Durch eine, vor allem durch den Gebrauch in Medien und Politik geprägte, Fokussierung auf Schülerinnen und Schüler mit Beeinträchtigungen ist dieser Begriff nur bedingt geeignet, Veränderungen zu motivieren. Das Ziel ist nicht „die Eingliederung beeinträchtigter Kinder und Jugendlicher in die Regelschule. Die Ziele sind: Teilhabe aller Menschen, eine Schule, in der alle gut lernen und gerne arbeiten, Chancengleichheit und Menschenrechte und eine Gesellschaft für alle Menschen.
„Plötzlich verstehen auch die Eltern, dass das höhere Maß an Individualisierung im inklusiven Unterricht allen Kindern zugutekommt und für alle gilt. Eine Mutter sagte mir mal im Nachgespräch eines Elternabends: ‚Es hat sich herumgesprochen, dass in der Inklusion jedes einzelne Kind im Blick ist. Ich dachte vorher, dass so viel Zeit für die langsamer lernenden Kinder gebraucht wird. Jetzt habe ich erlebt, dass alle auf ihre Kosten kommen, schließlich sind die anderen Kinder der Klasse auch nicht alle gleich.‘“
3. Verbünden Sie sich gegen jede Form der Diskriminierung. Jede.
Gehen Sie mit offenen Augen und Ohren durch Ihre Schule. Treffen Sie auf sexistische, frauen- oder fremdenfeindliche Handlungen und Aussagen? Werden Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, ihres Aussehens oder ihrer Herkunft herabgewürdigt? Werden das Leistungsniveau oder persönliche Eigenheiten von Menschen genutzt, um sie bloßzustellen? Zivilcourage und das Einstehen für gegenseitigen Respekt betrifft alle Formen von Unterschieden zwischen Menschen. Auch im Kollegium und gegenüber Eltern.
4. Um Teilhabe und Chancengleichheit zu erreichen, brauchen Sie nicht nur Inklusion, sondern auch Separation.
Um Teilhabe sicherzustellen und individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden, muss differenziert werden. Dies bedeutet keine generelle Separation in Förder- und Regelschule, sondern eine Differenzierung innerhalb des Unterrichts und innerhalb der Schule. Schulorganisation muss sehr gut ausbalancieren, wie Einzelne, Gruppen und Schulklassen individualisiert aber dennoch gemeinsam leben und lernen können. Weder eine „absolute Separation noch eine „absolute...

Friedrich+ Schulleitung

Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Jetzt weiterlesen mit Friedrich+ Schulleitung!

  • Digitaler Vollzugriff auf die Inhalte der Zeitschriften Schule leiten oder Lernende Schule
  • Umfassendes Archiv mit über 550 Beiträgen für die Leitung und Weiterentwicklung Ihrer Schule, mit Checklisten, Bildmaterial, Methodenkarten, u. v. m.
  • Jährlich über 100 neue Beiträge, darunter umfassende Materialien für die schulinterne Fortbildung

30 Tage kostenlos testen

Mehr Informationen zu Friedrich+ Schulleitung

Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 16 / 2019

Eine für alle – Inklusive Schule

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13