Stephan Sausel

COOL in inklusiven Klassen

Stephan Sausel

Individualisiertes und kompetenzorientiertes Lernen im kooperativen offenen Unterricht

Lehrkräfte beantworten eine vermeintlich rein mathematische Frage fast immer richtig. „Wie viele Leuchtzustände können drei Glühlampen insgesamt einnehmen? Genau: insgesamt acht Zustände: 1) 000, 2) 001, 3) 010, 4) 100, 5) 011,
6) 101, 7) 110, 8) 111.
Selbstverständlich lässt sich das berechnen. Eine Glühlampe verfügt über zwei Leuchtzustände. Bei n Glühlampen ergeben sich insgesamt z = 2n Zustände. Mit der Anschlussfrage, wie viele Leuchtzustände 24 Glühlampen insgesamt einnehmen können, haben Lehrkräfte meist auch kein Problem. (Es ergeben sich genau z= 224 = 16.777.216 Möglichkeiten.)
Was soll eine mathematische Aufgabe in einem Aufsatz über coolen Unterricht? Die Analogie zwischen Lernenden und Glühlampen1 kann deutlich machen, warum klassischer Unterricht so ein schwieriges, ja oft auch für viele Lernenden erfolgloses, Unterfangen ist. Eine Lehrkraft versucht im „normalen Unterricht, alle Schülerinnen und Schüler möglichst gleichzeitig zum „Leuchten zu bringen? Dabei liegt die Wahrscheinlichkeit bei 1 zu 16 Millionen. Es ist also leichter, beim Lottospiel sechs Richtige zu ziehen (1 zu 15.537.573) als die Aufmerksamkeit aller Menschen einer 24-köpfigen Klasse zu bekommen. (Dabei sitzen in einer Klasse meist mehr als 24 Lernende.)
Eigentlich wissen alle, die in schulischer Bildung tätig oder für sie verantwortlich sind, um die Unmöglichkeit des gleichzeitigen und gleichförmigen Lernens. Die wenig erfolgreichen Reaktionen:
  • äußere und manchmal auch innere Differenzierung;
  • Bildung von Lerngruppen nach Vorleistungen;
  • Forderungen nach kleinen Klassen;
  • Inszenierung von Gruppenarbeit;
  • Methodenhuberei aus der didaktischen Trickkiste;
  • Wunsch nach Fortbildungen zum Thema „Unterrichtsstörungen usw.
Alles zu einem einzigen Zweck: Die Lerngruppen sollen möglichst homogen sein und aufmerksam gemacht werden für das, was gerade „dran ist, gelehrt zu werden. In dieses, durch das Streben nach Homogenität geprägte Schulsystem platzte 2009 die Verpflichtung zur Inklusion in den Schulen, nachdem die Bundesrepublik Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert hatte.
Es geht um die Verpflichtung, ein inklusives Bildungssystem zu gewährleisten, in dem alle Menschen und damit ganz explizit auch die Menschen mit Behinderungen, ihre Persönlichkeit, ihre gesamten Begabungen, Kreativität und Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen können. Ziel ist eine wirkliche Teilhabe aller an einer freien Gesellschaft (Art. 24 der UN-Behindertenrechtskonvention).
Eine inklusive Schule steht damit im Widerspruch zur üblichen differenzierenden Pädagogik. Die inklusive Schule braucht vielmehr eine inklusive Pädagogik, die auf der Wertschätzung der Vielfalt beruht. In einem inklusiven Bildungssystem lernen Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten, mit und ohne Behinderungen gemeinsam. Das ist möglich, denn Lernen ist ein einzigartiger, individueller Prozess (vgl. Egle 2011, Spitzer 2006 und Müller 2013). Homogene und damit separierende Lerngruppen werden nicht länger gebildet. Der Begriff „Lernbehinderte hat als Separationsmerkmal ausgedient. Hier setzt COOL an.
Was ist COOL?
COOL ist ein von Helga Wittwer und Georg Neuhauser in Österreich aus dem Dalton-Plan von Helen Parkhurst (1922) abgeleitetes Unterrichtskonzept. COOL steht für Kooperatives Offenes Lernen (Cooperative Open Learning). Kooperatives Lernen heißt Lernen in Gemeinschaft. Offenes Lernen heißt selbstbestimmtes und damit individualisiertes Lernen. COOL ist die Gelingensbedingung für den Umgang mit heterogenen Lerngruppen, denn Heterogenität ist im kooperativen offenen Unterricht kein Nachteil, sondern wird als Ressource verstanden.
COOL wird an vielen berufsbildenden Schulen Österreichs (https://www.cooltrainers.at/), an verschiedenen berufsbildenden Schulen in Niedersachsen und in der Lehrerbildung am Studienseminar Stade für das...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 16 / 2019

Eine für alle – Inklusive Schule

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