Helmut Lungershausen

Bombenstimmung in der Schule

Helmut Lungershausen

Bericht über eine schwierige Entscheidung

Die Zeit drängt wie immer. Es ist 10:52 Uhr. Ich sitze am Schreibtisch und bearbeite eine Anfrage der Schulbehörde, die heute noch hinausgehen soll. Plötzlich stürzt die Sekretärin in mein Zimmer. Sie ringt um Luft: „Da da hat eben einer angerufen, dass bei uns eine Bombe hochgehen soll!
Mein Versuch, trotz der Dramatik, Ruhe zu bewahren: „Frau S., bitte ganz ruhig! Wer hat angerufen und was hat er gesagt?„Also das war ein männliche Stimme und sie hat gesagt, dass in der Schule eine Bombe liegt! Mehr nicht. Dann hat der Mann aufgelegt.
Sofortiges Handeln gefragt
Ein Blick zur Uhr. Es sind noch 14 Minuten bis zur großen Pause.
  • Erste Maßnahme: Anruf bei der Polizei mit dem Stichwort „Bombendrohung!
  • Zweite Maßnahme: Ich lege die Raumpläne der Schule bereit.
  • Dritte Maßnahme: Hausmeister sofort zum Chef.
Es dauert nur sechs Minuten, dann ist ein Streifenwagen da. Ein Fahrzeug mit Spürhund folgt wenige Minuten später.
Der Einsatzleiter stellt sich kurz vor und freut sich, dass für jede Etage ein Grundriss vorbereitet ist. Wir verständigen uns, zur Vermeidung von Panik die Pause einfach einzuläuten. Das ist zwar vier Minuten früher als nach Plan, aber es fällt kaum auf.
Die Polizeibeamten haben die Zuständigkeit für die Etagen schon unter sich aufgeteilt. Ich ordne jeder Gruppe eine Lehrkraft zu. Kaum sind die Klassen leer, geht die systematische Suche los. Der Hausmeister hat den Auftrag, den Gong auszuschalten, sodass wir selbst das Ende der Pause bestimmen können.
Alle weiteren Lehrkräfte werden zum Lehrerzimmer bestellt. Ich informiere sie über die Bombendrohung und die laufende Durchsuchung des Gebäudes. Ich bemühe mich, ruhig und unaufgeregt zu erscheinen. Die Reaktionen bewegen sich zwischen Gelassenheit („Ach, wahrscheinlich ein Scherz!) bis hin zu Ängsten („Sollen wir nicht lieber die Schule räumen?).
Nach gut 20 Minuten stellt der Einsatzleiter fest: „Wir haben nichts gefunden!
„Die Entscheidung liegt bei Ihnen!
Ich habe erwartet, dass die Polizei den nächsten Schritt vorgibt. Doch der Einsatzleiter gibt mir klar zu verstehen, dass die Entscheidung jetzt bei mir liegt. Unterricht abbrechen und Schule schließen oder weiter Unterricht nach Plan?
Jetzt komme ich doch etwas ins Schwitzen. Ich erkundige mich nach seinen Erfahrungen mit Bombendrohungen und erfahre, dass es sich in den allermeisten Fällen um leere Drohungen handelt.
Der Einsatzleiter fragt nach, ob es einen Schüler gäbe, der in letzter Zeit stark negativ aufgefallen sei und sanktioniert wurde. Das sei häufig ein Motiv für eine Drohung. Mir ist jedoch kein entsprechender Fall bekannt.
Ich resümiere:
  • Die Polizei hat das Gebäude durchsucht und nichts gefunden.
  • Mit großer Wahrscheinlichkeit gibt es keine Bombe.
  • Aber es gibt keine Gewähr dafür, dass die Gefahr wirklich vorbei ist.
Mein Stellvertreter gibt zu bedenken: „Wenn das ein falscher Alarm ist, und wir die Schule dichtmachen, dann haben wir vielleicht morgen schon den nächsten Alarm! Ich meine zu spüren, dass auch der Einsatzleiter die Bedrohung als wenig real einschätzt.
Also schnelle Verständigung untereinander, ein kurzes Schlucken, und dann meine Entscheidung: „Wir machen weiter!
Gemischte Reaktionen
Ich verkünde im Lehrerzimmer, dass die Durchsuchung des Gebäudes nichts ergeben habe. Die Pause werde gleich durch den Gong beendet und der Unterricht solle planmäßig weiterlaufen. Falls irgendetwas Auffälliges registriert werde, solle mir das sofort gemeldet werden. Es geschieht nichts Besonderes und der Schultag geht gut zu Ende. Ich bin sehr erleichtert.
Eine kurze Meldung des Vorfalls geht zur Information an die Schulbehörde: „Bombendrohung, Durchsuchung des Gebäudes durch die Polizei ohne Fund, Fortsetzung des Unterrichts, keine besonderen Vorkommnisse.
Am nächsten Tag bekomme ich verschiedene Rückmeldungen aus dem Kollegium: von „Sie haben mit unserem Leben gespielt!...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 18 / 2019

Krisenmanagement – Kühler Kopf im Kollektiv

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13