Tjark Ommen

Als doch etwas passierte …

Tjark Ommen

Sachliches Handeln bei enotionalen Katastrophen vorplanen

Es war ein ganz normaler kalter Morgen, als ich mich auf das Fahrrad schwang und zur Schule fuhr. Es waren kaum Autos unterwegs, weil es noch so früh war. In der Schule angekommen, freute ich mich über die Wärme in meinem Büro des stellvertretender Schulleiters. Eine der Sekretärinnen unserer ziemlich großen Schule hatte schon die kranken Lehrkräfte in das Stundenplanprogramm eingetragen, sodass ich mich nur noch um Vertretungen kümmern musste. Es war ein Mittwoch, daher war der Krankenstand nicht so hoch. Die Vertretungen waren nach einer knappen halben Stunde erledigt. Ich hatte Ruhe und somit noch ein paar Minuten, um mich auf den Tag vorzubereiten. Das Telefon im Sekretariat klingelte und ich hörte nur: „Okay, ich stell schnell durch. Schon klingelte mein Apparat. Ich meldete mich und hörte am anderen Ende einen Mann mit ernster Stimme. Er war von der Polizei und teilte mir mit, dass eine Schülerin aus der 9. Klasse sich das Leben genommen habe. Es sei in der Nacht passiert und ich sollte dies bitte wissen und dem Schulleiter mitteilen. Ich bedankte mich für die Nachricht und legte auf.
Die Minuten danach kann ich kaum erinnern. Die Mischung aus Sachinformation und absolut katastrophaler emotionaler Information arbeitete in mir. Ich war als Zivi beim Rettungsdienst und habe mich daher schnell wieder gefangen. Was musste getan werden?
Schulleiter informieren, der auf Skikurs im Ausland war;
Behörden informieren, doch doert war noch niemand anwesend.
Plan verändern. Die Klassenlehrerin der betroffenen Klasse musste den ganzen Tag in die Klasse. Also: ausplanen, umplanen.
Krisenteam informieren, Pastor informieren
Alle Schulleitungsmitglieder informieren.
Nach und nach trafen weitere Mitglieder des Leitungsteams ein und wir besprachen gemeinsam, was zu tun sei. Wir planten, den ganzen betroffenen Jahrgang nach der dritten Stunde mit den Klassenleitungen um. Wir informierten die Behörde und die Schulpsychologie. Notfallseelsorge und Schulpastoren waren schnell vor Ort. Die Behörde ließ alles stehen und liegen und schickte uns mehrere Psychologen. Wir bauten einen Raum zum Raum der Stille um und gingen dann in die Klasse. Erst in diesem Moment wurde mir klar, was passiert war. Den leeren Stuhl zu sehen und die vielen lachenden Jugendlichen, die noch gar nichts wussten, wirkte surreal, wie ein Traum. Wenige Minuten später hatten wir die Jugendlichen informiert, die sofort zusammenbrachen. Das Team an Psychologen, Sozialpädagogen und Beratungslehrkräften reichte kaum aus, um die Trauer irgendwie aufzufangen. Als ich das erste Mal wieder in meinem Büro durchatmete, rief die Polizei erneut an, weil ein Jugendlicher mit der Ankündigung, er wollte sich nun auch das Leben nehmen, unterwegs zu den Bahngleisen sei. Wieder informieren, handeln ...
Wir haben an diesem Mittag eine Trauerfeier veranstaltet, bei der kaum jemand etwas sagte. Die Mensa stand voller Kerzen, die wir besorgt hatten. Alle schwiegen. Ich werde diesen Tag niemals vergessen.
Was lernte ich für mich daraus:
Es ist wichtig, erst einmal zu funktionieren. Wenn man nachgibt und sich den eigenen Gefühlen hingibt, hilft man niemandem. Ich selber habe am Wochenende danach viel verarbeitet.
Wir haben sofort einen Krisenordner angelegt und an mehreren Stellen in der Schule Kopien deponiert. Am längsten dauerte das Heraussuchen von Telefonnummern.
Wir haben als Team sehr gut zusammengearbeitet, aber man sollte sich vor einer Krise im Klaren darüber sein, wer welche Aufgaben übernimmt. Wer redet beispielsweise mit der Presse? Es sollte jemand sein, der Ruhe bewahren und konzentriert bleiben kann, auch unter schlimmen Bedingungen.
Wir haben seit diesem Tag einen Notfallkoffer. Darin sind Beileidskarten, Kerzen und ein schwarzes Tuch, um damit schnell aus einem Tisch einen Altarersatz zu bauen.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass wir alle gelernt haben, dass Krisen...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 18 / 2019

Krisenmanagement – Kühler Kopf im Kollektiv

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13