Heinz Elmar Tenorth

Allgemeinbildung in und durch Schulen

Heinz Elmar Tenorth

Kanonisierung des Weltzugangs

Es gibt wenige Begriffe in der öffentlichen und pädagogisch-professionellen Diskussion über das Bildungssystem, die so beliebt und zugleich so unklar sind wie „Allgemeinbildung. Meist synonym mit „allgemeinen Bildung gebraucht und dann rasch auf einen „Kanon der Allgemeinbildung bezogen, auch nicht immer präzise von „Allgemeinwissen abgesetzt, herrscht Begriffsverwirrung, die dem Themas und der spezifischen Aufgabe der Schule schadet. Eine Begriffsklärung.

Begriff und Thema
Hier kann man nur von schulischer Allgemeinbildung reden und das ist schon nicht einfach. Mit anderen Aufgaben darf man dagegen die Schule nicht belasten, schon weil sie sich daran verheben würde.
Das gilt z.B. für die Konstruktion eines literarischen Kanons oder eines Kanons, der den „Gebildeten oder den „europäischen Bildungskanon auszeichnet und seine Realität in Lebensformen und Institutionen von der Oper bis zum (alten) Gymnasium abbildet (Fuhrmann 1999). Das sollte die Schule Akteuren überlassen, die sich hier für kompetent halten. Für den kulturellen Kanon z.B. fühlen sich offenbar Intellektuelle zuständig. Marcel Reich-Ranicki hat 2001 in dieser Absicht deutschsprachige literarische Texte unterschiedlichster Gattungen ausgewählt und ediert. Das waren 50 Bände und drei Begleitbände, und er hoffte, dass auch Studierende und Lehrer zu den Lesern gehören. Andere Formen eines solchen Konstrukts finden sich in „Leselisten, wie sie der Reclam-Verlag bereitstellt (Griese u.a. 1994). Die Liste umfasst, jetzt aus der internationalen Wissensproduktion aller Disziplinen, 196 Druckseiten. Dagegen erscheinen die nur 100 Titel, die der „Bildungs-Redakteur der „Zeit, Thomas Kerstan, jüngst publizierte, um zu sagen, „was unsere Kinder wissen müssen, fast schon einladend knapp (Kerstan 2018).
Dass die Konstruktion solcher Kanones keine leichte Sache ist, sieht man an der Diskussion anderer Werke, die meinen, sagen zu können, was man „alles wissen muss. Dann gibt es nämlich Streit, z.B. über ein nicht ganz unbekanntes Buch, das ein Anglist unter dem Titel „Bildung publiziert hat (Schwanitz 1999). Naturwissenschaftler haben sogleich moniert, dass ihr Revier nahezu vollständig fehlt, und offenbar mit Absicht, weil Schwanitz sie nicht zur Bildung rechnet. Flugs wurde deshalb zusammengestellt, „was man von den Naturwissenschaften wissen sollte und das war „Die andere Bildung (Fischer 2001, s. auch seinen Beitrag in diesem Heft). Verglichen mit den Kontroversen, die in den USA über den „Western Canon geführt wurden, sind die deutschen Debatten noch sehr zivilisiert. Er gilt jetzt als Ausdruck der illegitimen Herrschaft der weißen, protestantischen, alten Männer, die alle abweichenden Kulturen, der Frauen und der Schwarzen, der LGBT-Kultur oder der Asiens und Afrikas, als minderwertig abwehren. Die Debatten über political correctness zeigen, wie heute Kanones zugleich kritisiert und, paradoxerweise, in Diskursregeln neu etabliert werden.
Allgemeinbildung: Was wird von Schule erwartet?
Schule agiert bescheidener, sie konstruiert schulische Allgemeinbildung. Das hat zwar auch mit der Konstruktion von Distinktionsmerkmalen zu tun und kann ohne Selektivität nicht geleistet werden, aber es ist zugleich rechtfertigungsfähig, denn schon die Schulpflicht, aber auch die Lehrpläne und ihr Bild von schulischer Allgemeinbildung bedürfen der gesetzlichen Legitimation. Welches gesellschaftliche Problem wird aber damit bearbeitet, wenn es nicht der kulturelle Kanon ist? Manche Autoren suchen eine historische Beglaubigung und zitieren den hussitischen Bischof Johann Amos Comenius (1592 – 1670) mit seiner Losung „omnes, omnia, omnino, dass die Schule alle, alles, allseitig zu lehren habe. Das sagt zu Recht, dass Schulen allgemein in Bezug auf die Adressaten sind, denn niemand wird ausgenommen, auch allgemein, also allseitig, in Bezug auf die Praktiken des Lernens, aber diese...

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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 87 / 2019

Allgemeinbildung

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13