Ulrich Heinemann, Botho Priebe

Allgemeinbildung!

Ulrich Heinemann, Botho Priebe

Warum sie eine schulische Kernaufgabe sein muss

Wilhelm von Humboldts Forderung, dass „alle Schulen zur allgemeinen Menschenbildung beitragen müssen, hatte in den bürgerlichen Bildungsreformen des 19. Jahrhunderts starke Resonanz. Gegen die Verelendung des Industrieproletariats in dieser Zeit entfaltete sie allerdings keine erkennbare Wirkung. Auch als regulative Idee bürgerlicher Bildung erwies sie sich als weitgehend unwirksam bei den verantwortlichen Akteuren in den großen Katastrophen zweier Weltkriege, der Nazi-Barbarei und deren bürokratisch-industriell betriebenem Massenmord an den Juden Europas. Humboldts Idee einer „allgemeinen Menschenbildung erlebte in Deutschland tiefgreifende Verfallsgeschichten.
Beide deutsche Nachkriegsstaaten beriefen sich bei der Einrichtung ihrer Bildungssysteme mit unterschiedlicher Gewichtung auf ein humanistisches Erbe, das in der Bildungswirklichkeit jeweils höchst unterschiedlich konkret wurde. An unterrichtsfachlichen Bildungsbeiträgen im Rahmen schulischer Allgemeinbildung und deren (vielfach zweifelhafter) Begründung mangelte es nicht. Und es lagen keine Kenntnisse, sondern nur Annahmen über die Wirksamkeit dieser Konzepte zu den schulfachlichen Bildungsbeiträgen und zur schulischen Allgemeinbildung vor. Bis schließlich im Kontext großer internationaler Vergleichsuntersuchungen (PISA, IGLU, TIMSS) das Literacy-Konzept in Verbindung mit Standard- und Kompetenzorientierung sowie deren Evaluation auch im wiedervereinigten Deutschland ohne große Diskussionen und Abstimmungen „sang- und klanglos eingeführt wurde.
Diese „empirische Wende in Bildungspolitik, Bildungswissenschaften und Schule war in Deutschland seinerzeit mit einem Realitätsschock („PISA-Schock im Jahr 2000) verbunden, der gleichwohl nicht zur Ablösung vom deutschen Bildungsdenken führte, auch wenn von Standards, Kompetenzen und Kompetenzmodellen die Rede war. Diese Standards hießen jetzt „Bildungsstandards und ihre Begründungen suchten nach Anschluss an die deutsche Bildungstradition. Aber ist deren alter und in ihren Verfallsgeschichten uneingelöster Geltungsanspruch damit erfüllt und abgehakt? Sind Bildungsstandards und Kompetenzen die operative und evaluierbare Antwort auf die überkommenen und offenen Fragen nach Relevanz, Begründung und Wirksamkeit schulfachlicher und schulischer Allgemeinbildung? Oder ist deren Bedeutsamkeit in den evidenzbasierten Unterrichtsreformen abhandengekommen?
Die „Hermeneutiker/innen geisteswissenschaftlich orientierten Erziehungswissenschaften unterstellen den „Empiriker/innen evidenzbasierter Bildungswissenschaften einen pädagogischen Werterelativimus und in dessen Folge ein bloß instrumentelles Verhältnis zu den personalen und prozessbezogenen Dimensionen von Bildung. Geht es den „Hermeneutiker/innen um die Entwicklung personaler Möglichkeiten und Potenziale in Auseinandersetzung mit (humanistisch) ausgewählten Bildungsgütern, kritisieren die andere Seite die unterstellte abgehobene Normativität der „Hermeneutiker/innen und deren Mangel an empirisch belegter Wirksamkeit.
Abseits dieses Grundsatzstreits zwischen tatsachenorientierter Forschung und Prinzipienwissenschaft, der bis heute lodert, aber die Frage nach einer zeitgemäßen Allgemeinbildung nicht beantwortet, gibt es durchaus plausible, verbindende Ansätze. Diese Ansätze sind einerseits welthaltig und tatsachenorientiert, andererseits lassen sie Normativität und Werthaltungen keineswegs außen vor. So hat Wolfgang Klafki schon 1993 in Auseinandersetzung mit den weltweiten Gefährdungen und Risiken in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eine Konzeption Allgemeiner Bildung als „Bildung für alle vorgelegt mit der „Kernthese: Allgemeinbildung bedeutet [] ein geschichtlich vermitteltes Bewusstsein von zentralen Problemen der Gegenwart und soweit voraussehbar der Zukunft zu gewinnen, Einsicht in die Mitverantwortlichkeit aller angesichts solcher Probleme...
Lernende Schule
Sie sind bereits Abonnent?

Mein Konto

Weiterlesen im Heft

Ausgabe kaufen

Lernende Schule abonnieren und digital lesen!
  • Exklusiver Online-Zugriff auf Ihre digitalen Ausgaben
  • Print-Ausgabe der abonnierten Zeitschrift bequem nach Hause
  • Zusatzvorteile für Abonnenten im Online-Shop genießen

Zeitschrift abonnieren

Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 87 / 2019

Allgemeinbildung

Schuljahr 1-13