Mai-Anh Boger

Wessen Kultur?

Mai-Anh Boger

Zwischen konservativen und extremistischen Integrationsbegriffen unterscheiden lernen

Schulkultur wird stets auch davon beeinflusst, wie „Kultur im gesamtgesellschaftlichen Rahmen verhandelt wird. Ein Bewusstsein für die Fallen extremistischer Kulturverständnisse hilft dabei, in der Schulentwicklung mit einem Verständnis von „Schulkultur zu arbeiten, das keinen oppressiven, sondern einladenden Charakter hat und auf soziale Integration und Demokratie zielt.

Ein Gespenst geht um in der Integrationsforschung: Es ist das Gespenst der „Kultur. Wer von Integration spricht, muss schließlich fragen, in was denn integriert werden soll. Sodann kommen die verschiedensten Kulturbegriffe auf. Dieser Artikel befasst sich damit, welche Kulturbegriffe und Vorstellungen von Kultur integrationsförderlich sind und welche desintegrierend wirken.
Derzeit herrscht Konfusion über Begriffe wie „Leitkultur. In rechtsextremen Rhetoriken werden Ängste vor kulturellem Verfall und einem „Untergang des Abendlandes geschürt. Viele Menschen fragen sich, was der Unterschied zwischen (Lokal-)Patriotismus und Nationalismus ist, was zu Unsicherheiten bei der Frage führt, was nicht-rassistische Wege sind, das eigene kulturelle Erbe zu achten und zu bewahren. In der Schulpraxis führt dies zu der Frage, wie eine Schulkultur aussehen könnte, die integrationsförderlich ist und Teilhabe erlaubt, ohne Minoritäten auszuschließen oder unter Druck zu setzen.
Eine Kindheit auf dem Lande Integration in eine konservative, bodenständige Kultur
Ein erzählerischer Einstieg soll verdeutlichen, was auf dem Spiel steht: In der rheinland-pfälzischen Gegend, in der ich aufgewachsen bin, bestand das kulturelle Leben im Wesentlichen aus Weinlese Weinfest Weinkenntnis Weinkonsum und Fasching. Das machte Integration sehr einfach: Ich wurde Funkenmariechen in der Tanzgarde und war dadurch anerkanntes Mitglied der Dorfgemeinschaft. Zwar war es ein Novum, dass ein Migrantenkind dort mittanzte, aber niemand stieß sich daran. Tatsächlich waren meine Kindheit und Jugend von eher konservativen Menschen dominiert kein Wunder auf einem katholischen Lateingymnasium. Und offensichtlich hat es meiner „Integration nicht geschadet. Nun wird es dieser Tage immer drängender, die Unterscheidung zwischen Konservatismus und rechter Deutschtümelei zu klären; und fraglos gibt es einen Konservatismus, der nicht rassistisch ist. Dieser erfüllt folgende zwei Kriterien: Erstens zielt er darauf, ein kulturelles Erbe zu bewahren, das er nicht als statisches, sondern als historisches versteht. Dadurch ist er nicht nur offen für historischen Wandel, sondern diesem nahezu verpflichtet. Zweitens ist er stets regional gebunden und dadurch anti-nationalistisch. Rassistische Ideologien operieren hingegen erstens mit statischen Kulturbegriffen und zweitens mit nationalistischen Einheitsfantasien. Was bedeutet dies in diesem Bild eines gelebten ländlichen Lebens?
Dass ein konservativer Elferrat1 nicht rassistisch ist, erkennt man in der Praxis daran, dass er sich über migrantische Funkenmariechen freut, denn er sieht einfach nur Jugendliche, die dieser regionalen Kultur die Treue halten, sie am Leben halten und die Dorfgemeinschaft durch Pflege dieser Sitten und Gebräuche bereichern. Rassismus hingegen beginnt da, wo die kulturelle Teilhabe an biologische Teilhabebedingungen, wie blonde Haare und eine weiße Haut, geknüpft werden und man migrantische Kinder und Jugendliche ausschließt, weil man aus irgendwelchen abstrusen Angstfantasien heraus glaubt, diese seien keine Bereicherung, sondern eine Bedrohung. Zweitens erkennt man den nicht-rassistischen Konservativen daran, dass er aus historischem Bewusstsein heraus verstanden hat, dass Kulturen durch Austausch und Vermischung belebt werden und eben nicht bedroht. Er weiß darum, dass es keine „reinrassigen Kulturgüter gibt, sondern dass kulturelle Praxen durch Bewegungen der Wanderung weitergegeben und...
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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 83 / 2018

Integration

Schuljahr 1-13