Kerstin Göbel, Lars Schmelter, Bernd Frankemöller, Georgia Frede, JuLie Buret

Wertschätzung und Förderung

Kerstin Göbel, Lars Schmelter, Bernd Frankemöller, Georgia Frede, JuLie Buret

Mehrsprachigkeitsorientierung im Fremdsprachenunterricht

Die Sprachenvielfalt in unserer Gesellschaft, bildungspolitische Ansprüche, curriculare Vorgaben sowie wissenschaftliche Erkenntnisse fordern den Fremdsprachenunterricht dazu auf, Mehrsprachigkeit nicht nur als Ziel, sondern auch als seine Voraussetzung zu betrachten. Neben der Vermittlung von Mehrsprachigkeit in der Schule geht es folglich um die Anerkennung, die Wertschätzung und das konstruktive Aufgreifen sozialisationsbedingter Mehrsprachigkeit von Lernenden.

Die Relevanz der Herkunftssprachen für die Lernenden
Für die persönliche Entwicklung ist die in der Familie gelernte Sprache, also die Erstsprache, von großer Bedeutung. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt familiärer Kommunikation. Wichtige Lebensereignisse werden mit dieser Sprache in Verbindung gebracht. Internationale Studien weisen darauf hin, dass eine positive Identifikation mit der Herkunftskultur und -sprache für das Gelingen schulischer Anpassung eine wichtige Voraussetzung darstellt (Göbel & Buchwald 2017). Daher scheint es naheliegend, dass die Erst- oder Familiensprache von Schülerinnen und Schülern auch im schulischen Kontext berücksichtigt wird. Obzwar die Einstellung der Lernenden mit anderen Erstsprachen gegenüber ihren Herkunftssprachen deutlich durch die Familie geprägt ist, hat auch der Umgang mit Mehrsprachigkeit im Unterricht große Bedeutung (Mehlhorn, 2015). Je stärker die Erstsprachen der Lernenden durch die Lehrperson berücksichtigt werden, desto höher schätzen die Lernenden die Wichtigkeit dieser Sprachen ein (Rück 2009). Leider werden migrationsspezifische Sprachen jedoch auch im Fremdsprachenunterricht bislang eher selten aufgegriffen (Göbel & Vieluf 2017). Die in deutschen Schulen mangelnde Aufgeschlossenheit gegenüber sprachlicher und kultureller Vielfalt und hohe Anpassungsanforderungen der Aufnahmegesellschaft können bei Personen mit Migrationshintergrund Rückzugstendenzen in die eigene Kulturgemeinschaft verstärken und so auch die Anpassungsprozesse betroffener Schülerinnen und Schüler erschweren.
Empirische Studien zeigen, dass mehrsprachig aufgewachsene Personen beim Erlernen weiterer Sprachen Vorteile haben. Durch den kontinuierlichen Umgang mit verschiedenen Sprachen werden Sprachbewusstheit und Sprachlernbewusstheit bei Mehrsprachigen in besonderer Weise entwickelt (Hufeisen 2012). Hiervon profitiert das weitere Sprachlernen, dies zeigt sich in verschiedenen Studien zu Kompetenzen von Lernenden mit Migrationshintergrund im Hinblick auf die L3 (dritte erlernte Sprache) Englisch. Mehrsprachige Lernende schneiden im Hinblick auf die Kompetenzen im Englischen besser ab als monolingual aufgewachsene Mitschülerinnen und Mitschüler. Ein hoher Anteil mehrsprachiger Lerner im Unterricht wirkt sich darüber hinaus positiv auf das Gesamtergebnis der Klasse in Englisch aus (Hesse, Göbel & Hartig 2008). Neben der Relevanz der Erstsprachen für Sprachlernen und Persönlichkeitsentwicklung zeigen psycholinguistische Studien, dass Mehrsprachigkeit positive Effekte auf die kognitive Entwicklung hat. Es wird angenommen, dass die Nutzung mehrerer Sprachen Auswahlprozesse im Gehirn trainiert, die sich auf verschiedene Situationen positiv auswirken können; daher weisen zwei- und mehrsprachige Personen eine bessere Aufmerksamkeitsfokussierung auf als monolingual Aufgewachsene (Bialystok & Poarch 2015). Dieser kognitive Vorteil zeigt sich bspw. bei der Bearbeitung von verbalen und nonverbalen Differenzierungsaufgaben und zwar unabhängig von Alter und sozialem Status. Man kann hier also eindeutig von Ressourcen sprechen, die Mehrsprachigkeit für die Schülerinnen und Schüler und ihre Klassen mit sich bringt. Die effiziente Nutzung des mehrsprachigen Potenzials bedarf aber zumeist einer Bewusstmachung innerhalb von Lerngruppen.
Mehrsprachigkeitsdidaktik
Die Forderungen nach dem Einbezug aller...
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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 86 / 2019

Mehrsprachigkeit

Schuljahr 1-13