Benedict Kurz, Amani Kroner

Übergang mit hoher Schwelle

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Benedict Kurz, Amani Kroner

Herausforderung Bildungsaufstieg Richtung Universität

Der Übergang an die Universität ist in Deutschland stark sozial selektiv. An der Universität angekommen sind Bildungsaufsteigerinnen und -aufsteiger mit verschiedenen finanziellen, sozialen und kulturellen Herausforderungen konfrontiert. So steht Schülerinnen und Schülern sowie Studierenden aus nichtakademischen Familien eine Informationsbarriere im Weg. Schule und Lehrkräfte können jedoch zu deren Überwindung beitragen.

Die soziale Selektivität des deutschen Bildungssystems setzt sich beim Übergang an die Hochschule und Universität fort. Diese vierte Schwelle im Bildungssystem passieren 79 von 100 Kindern aus Familien, bei denen mindestens ein Elternteil studiert hat. Aus nichtakademischen Familien beginnen hingegen lediglich 27% ein Studium (vgl. Kracke u.a. 2018, S. 5). Auch die vergleichsweise hohe Häufigkeit der Studienabbrüche verweist auf einen spezifischen Unterstützungsbedarf (vgl. Isleib 2019, S. 332; El-Mafaalani 2012, S. 15). Da Bildungsaufsteigerinnen und -aufsteigern häufig geringere ökonomische, soziale und kulturelle Ressourcen zur Verfügung stehen, haben sie mit spezifischen Belastungen zu kämpfen. So sind beispielsweise die ersten Monate des Studiums oft finanziell extrem belastend für sie, sozial fehlen Ansprechpersonen und kulturell ist ihnen der vorherrschende bildungsbürgerliche Habitus zum Teil sehr fremd.
Bildlich gesprochen beginnen sie das Rennen namens Studium bereits viele Meter hinter ihren Mitstudierenden. Da sie auf ihrem Marsch durch die Institutionen außerdem die Sicherheit des Bekannten zurücklassen und sich zunehmend von ihrem Herkunftsmilieu distanzieren, können sie ihren Aufstieg auch als belastenden Verlust sowie als Risiko für ihre Identität und soziale Eingebundenheit erleben (vgl. El-Mafaalani 2012, S. 327). Zugleich verfügen sie aber auch über wertvolle Ressourcen und Erfahrungen.
Das Informationsdefizit 
Aufgrund ihrer geringeren Ressourcen sind Kinder aus Nichtakademikerfamilien am Übergang Schule-Universität mit verschiedenen Informationsasymmetrien konfrontiert. Dies führt beispielsweise dazu, dass sich Lernende aus nichtakademischen Familien trotz entsprechender Qualifikation seltener für ein Studium entscheiden. Sie können weder auf familiäres Wissen darüber zurückgreifen, wie die Universität funktioniert, wie man erfolgreich studiert und wie man die ökonomischen, sozialen und kulturellen Herausforderungen meistert, noch verfügen sie über das relevante soziale Netzwerk. Schulen und Lehrpersonen spielen deshalb eine wichtige Rolle für den Bildungsaufstieg ihrer Schülerinnen und Schüler.
Die besondere Rolle schulischer Studienberatung
Im Rahmen der Studien- und Berufsberatung können Schulen Jugendliche mit Informationen rund um das Studium versorgen und sie dadurch auf dem Weg zum Studium stärken. Beispielsweise zeigt die an Berliner Schulen durchgeführte Best-Up-Studie (Berliner-Studienberechtigten-Panel), dass bereits 25-minütige Workshops über den Nutzen und die Finanzierung eines Studiums dazu führen, dass sich Schülerinnen und Schüler aus nichtakademischen Familien ein Studium eher zutrauen und sich vermehrt bewerben (vgl. Peter & Zambre 2017).
Da der Bildungsaufstieg ein Weg ist, dessen Ziel noch unbekannt ist, scheint bei der Beratung insbesondere die nächste Sprosse der Aufstiegsleiter von hoher Relevanz.
Die besondere Rolle von Lehrkräften
Als Menschen mit abgeschlossenem Studium stellen Lehrpersonen häufig einen wesentlichen Berührungspunkt mit der bildungsbürgerlich-akademischen Welt für ihre Schülerinnen und Schüler aus nichtakademischen Familien dar. Aufgrund des Vertrauensverhältnisses zwischen Lernenden und Lehrenden finden ihre Informationen und Erfahrungswerte besonderes Gehör bei Studieninteressierten. Bereits vermeintlich kleine Tipps können von großer Bedeutung sein, da jegliches Handlungswissen (inklusive des informellen „Geheimwissens...
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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 89 / 2020

Übergänge

Schuljahr 10-13