Kai Maaz

Soziale Ungleichheiten

Kai Maaz

Der Übergang von der Grundschule als Hürde

Soziale Ungleichheiten, die an einem Bildungsübergang sichtbar werden, entstehen nur zu einem gewissen Teil dort. Bezogen auf den Übergang am Ende der Grundschule lässt sich sogar feststellen, dass nur der Einfluss der sozialen Herkunft, der auf Unterschiede in der schulischen Leistung in der Grundschule zurückzuführen ist, bedeutsamer ist als der Einfluss der sozialen Herkunft in der direkten Entscheidungssituation.

„Jeder hat das Recht auf Bildung. So steht es im Artikel 26, Absatz 1 der UN-Menschenrechtscharta. Der Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland (Art. 3 GG) beschreibt, dass niemand aufgrund seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen bevorzugt oder benachteiligt werden soll. Die Bildungs- und Sozialstrukturforschung konnte seit vielen Jahren eindrucksvoll zeigen, dass der Grundsatz der Bildungsgerechtigkeit aber nicht vollständig der sozialen Wirklichkeit in Deutschland entspricht. In allen Bildungsbereichen lassen sich Ungleichheiten nach sozialer Herkunft, aber auch nach Migrationshintergrund und Geschlecht finden. Es ist unstrittig, dass Bildungsungleichheiten an den Gelenkstellen individueller Bildungsverläufe entstehen oder zumindest verstärkt werden können. In Deutschland ist in diesem Zusammenhang der im internationalen Vergleich frühe Übergang aus der Grundschule im Alter von bereits 10 oder 12 Jahren in die verschiedenen Schulformen und Bildungsgänge der Sekundarstufe in den Fokus der bildungspolitischen Debatten und der wissenschaftlichen Analyse von Bildungsungleichheiten gerückt. Dieser ist in Deutschland eine bedeutsame Weichenstellung für die Bildungsbiografien von Kindern. Obwohl es in den letzten Jahren eine zunehmende Entkopplung von besuchter Schulform und erreichtem Schulabschluss gegeben hat (d.h. die unterschiedlichen Schulabschlüsse auch an unterschiedlichen Schultypen erworben werden können), ist mit dem besuchten Sekundarschultyp nach wie vor in vielen Fällen der spätere Bildungsabschluss und damit auch die spätere sozioökonomische Stellung als Erwachsener in der Gesellschaft verknüpft. Zumindest können die verschiedenen Schulformen und/oder Bildungsgänge differenzielle Lern- und Entwicklungsmilieus darstellen, die die Lernopportunitäten der Kinder nachhaltig beeinflussen können.
Der Übergang von der Grundschule in die weiterführenden Schulen des Sekundarschulsystems ist gekennzeichnet durch erhebliche Ungleichheiten nach sozialer Herkunft. So ist die Wahrscheinlichkeit, das Gymnasium zu besuchen, selbst bei gleichen Schulleistungen für Kinder aus sozial privilegierten Familien höher als für Kinder aus sozial weniger begünstigten Familien (s. Dumont, Maaz, Neumann & Becker 2014). Daher ist der Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe I eine zentrale Ursache für Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft (Maaz, Baumert & Trautwein 2009).
Ungleichheiten verschiedener Dimensionen
Zur Erklärung dieser Ungleichheiten wird in der Bildungsforschung der mikrosoziologische Ansatz zu Bildungsentscheidungen des französischen Soziologen Raymond Boudon (1974) verwendet. Boudon zufolge lassen sich Ungleichheiten in der Bildungsbeteiligung als Ergebnis individueller Entscheidungen, die in einem institutionellen Kontext des Bildungssystems getroffen werden, verstehen. Diese Bildungsentscheidungen sind wiederum durch verschiedene Faktoren bedingt. Bei der Entscheidung bezüglich des Übergangs von der Grundschule in die Sekundarstufe I sind dies vor allem die institutionellen Rahmenbedingungen des Schulsystems (wie die Struktur des Sekundarschulsystems und die spezifischen Übergangsregelungen), die schulischen Leistungen der Kinder sowie die familiäre Bewertung von Bildung in Abhängigkeit von der sozialen Position der Eltern.
Für die Erklärung unterschiedlicher...

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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 89 / 2020

Übergänge