Johanna Gold, Christine Biermann

„Ich mache mir meinen Übergang selbst“

© pikselstock / stock.adobe.com

Johanna Gold, Christine Biermann

Zur Bedeutung von Selbstwirksamkeit bei Diskontinuitäten

Der Übergang von Schule in andere Lebenswelten stellt für Schülerinnen und Schüler ein bedeutsames Lebensereignis dar. Am Beispiel einer Schülerin der Laborschule Bielefeld*, die zeitweise von schulischem „Scheitern bedroht war, wird gezeigt, welche Bedeutung der Entwicklung von Selbstwirksamkeit beim Übergang zwischen Institutionen zugeschrieben wird, und fokussiert das Zusammenspiel der individuellen und der institutionellen Aspekte.

Nach dem Abschluss der Sekundarstufe I stehen jungen Menschen vielfältige Möglichkeiten offen; eine berufliche oder schulische Ausbildung oder ein Jahr im Bundesfreiwilligendienst. Unabhängig von der Gestaltung des weiteren Weges stellt der Übergang von einer Schule in andere Lebensumwelten für Schülerinnen und Schüler ein bedeutsames Lebensereignis dar. Die in dieser Phase getroffenen Entscheidungen haben wesentlichen Einfluss auf ihren weiteren Bildungs- und Lebensweg. Für die Schule ergibt sich daraus ein wichtiger Bildungsauftrag. Dementsprechend setzt sich auch die Laborschule mit der „Notwendigkeit einer pädagogischen Gestaltung dieser Lebensphase (Walther 2014, S. 17) intensiv auseinander und begreift die Ausgestaltung und Weiterentwicklung der Unterstützung als essenziellen Teil von Schulentwicklungsprozessen; umso mehr, da sie die Schülerinnen und Schüler insgesamt elf Jahre begleitet und der Übergang nach der Klasse 10 im Normalfall den ersten schulischen Übergang außerhalb der Laborschule darstellt.
Im Rahmen der Forschungs- und Entwicklungsarbeit wird dieser Übergang im Projekt „Übergang der Laborschüler*innen von der Sekundarstufe I in weitere schulische und berufliche Lebensumwelten untersucht. Es handelt sich um eine längsschnittlich angelegte qualitative Studie, in der die Wahrnehmung und retrospektive Bewertung der Übergangsphase von der Laborschule in weiterführenden Ausbildungskontexten aus der Sicht der Schülerinnen und Schüler analysiert wird. Das Untersuchungsdesign besteht aus leitfadengestützten Gruppendiskussionen zu zwei Messzeitpunkten mit Jugendlichen, eineinhalb Jahre und drei Jahre nach ihrem Abschluss der 10. Jahrgangsstufe. In der Analyse der Gruppendiskussionen stieß die Forschungsgruppe auf starke Hinweise, dass das Erleben von Selbstwirksamkeit und Handlungsfähigkeit retrospektiv als eine zentrale und sehr wertvolle Vorbereitung auf den Übergang in abnehmende Systeme aufgefasst wird. Das Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung wird definiert als „die subjektive Gewissheit, neue oder schwierige Anforderungssituationen aufgrund eigener Kompetenzen bewältigen zu können (Schwarzer & Jerusalem 2002, S. 35). Im Rahmen dieses Beitrags soll dieser Befund noch einmal unter dem Blickwinkel beleuchtet werden, wie die konkrete, schulische Unterstützung der Laborschule bei der Entwicklung von Selbstwirksamkeit von Schülerinnen und Schülern wahrgenommen wird, die im Laufe ihrer Schulzeit mit besonderen Herausforderungen (aufgrund persönlicher oder familiärer Konstellationen) konfrontiert waren und vom schulischen „Scheitern zumindest zeitweise bedroht waren.
Laras Rückblick
Lara (Name geändert) wird mit fünf Jahren in eine altersgemischte Gruppe der Laborschule eingeschult. Sie lernt gern, ist aber ausgesprochen still und zurückhaltend. Insbesondere in künstlerischen Bereichen, wie Gestalten und Musik, aber auch in der Mathematik zeigen sich frühe Interessen sowie Fähigkeiten. Für das Lesen und Schreiben braucht sie viel Zeit. Sie verbleibt vier statt drei Jahre in der Eingangsstufe, durchläuft dann die zweite Altersmischung in den regulären drei Jahren. Sie erzählt in einem Einzelinterview (fünf Jahre nach dem Verlasen der Schule), dass ihr im 3. Schuljahr das erste Mal „aufgefallen sei, dass sie sehr langsam beim Schreiben, Lesen und auch in Englisch gewesen sei und sich zu wenig gesehen gefühlt habe: „Ich bin eine sehr stille Person und...

Friedrich+ Schulleitung

Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Jetzt weiterlesen mit Friedrich+ Schulleitung!

  • Digitaler Vollzugriff auf die Inhalte der Zeitschriften Schule leiten oder Lernende Schule
  • Umfassendes Archiv mit über 550 Beiträgen für die Leitung und Weiterentwicklung Ihrer Schule, mit Checklisten, Bildmaterial, Methodenkarten, u. v. m.
  • Jährlich über 100 neue Beiträge, darunter umfassende Materialien für die schulinterne Fortbildung

30 Tage kostenlos testen

Mehr Informationen zu Friedrich+ Schulleitung

Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 89 / 2020

Übergänge

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13