Elena Makarova

Frei von Genderklischees

Potenzielle Vorbilder können Schweizer Mädchen bei der Aktion „Ein Tag als Chefin“ kennenlernen, die von der „Initiative Nationaler Zukunftstag. Seitenwechsel für Mädchen und Jungs“ durchgeführt wird.
Potenzielle Vorbilder können Schweizer Mädchen bei der Aktion „Ein Tag als Chefin“ kennenlernen, die von der „Initiative Nationaler Zukunftstag. Seitenwechsel für Mädchen und Jungs“ durchgeführt wird., © Nationaler Zukunftstag / Rolf Schmidli

Elena Makarova

Herausforderungen und Potenziale für die schulische Berufsorientierung

Angesichts der anhaltenden Geschlechtersegregation am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt und dem Fachkräftemangel in den betroffenen Berufsbranchen kommt einer gendersensiblen Berufsorientierung in der Schule eine zunehmend wichtige Bedeutung zu.

In ihrer Berufswahl schließen viele Jugendliche Berufe aus, die sie aufgrund stereotyper Zuschreibungen im Widerspruch zum eigenen Geschlecht sehen. Damit schränkt sich das Spektrum für die eigene Berufswahl entscheidend ein, obschon den Jugendlichen der Einfluss der beruflichen Geschlechtstypik auf die eigene Berufswahl nicht bewusst ist. Eine gendersensible Berufsorientierung im schulischen Kontext kann dazu beitragen, Gender-Klischees abzubauen und das Berufswahlspektrum vonJugendlichen zu erweitern.
Geschlecht und Berufswahl
Berufe, in denen der Anteil von Frauen bzw. von Männern stark überwiegt, d.h. über 70% liegt, werden umgangssprachlich als „Frauenberufe oder „Männerberufe bezeichnet. Dabei werden zu „Frauenberufen vor allem jene im sozialen und pädagogischen Bereich gezählt, wohingegen Berufe im MINT-Bereich oft als „Männerberufe wahrgenommen werden. Damit entsteht ein geschlechtsbezogenes Image der Berufe, das die de facto vorhandene Übervertretung von Frauen und Männern in Berufsbranchen wiedergibt und zugleich geschlechtsbezogene Stereotype über die (Nicht-)Eignung von Frauen und Männern für gewisse Berufe aktiviert. Das geschlechtsbezogene Berufsimage übt einen starken Einfluss auf Berufswahlentscheide von Jugendlichen aus, indem es die Zone der akzeptablen Berufe im Berufswahlprozess von Jugendlichen einschränkt: Diejenigen Berufe, die als männlich wahrgenommen werden, fallen aus der Zone der akzeptablen Berufe der weiblichen Jugendlichen heraus, während „Frauenberufe selten für männliche Jugendliche infrage kommen (Makarova & Herzog, 2020). Dabei werden individuelle Interessen und Neigungen dem geschlechtsbezogenen Berufsimage, das zum eigenen Geschlecht passt, untergeordnet. Dies geschieht zumeist unbewusst, wie eine kürzlich durchgeführte Studie zeigt. Demnach entscheiden sich lediglich 1,8% der jungen Männer und 4,7% der jungen Frauen für eine geschlechtsuntypische Berufswahl, zugleich geben die befragten Jugendlichen an, dass die berufliche Geschlechtstypik sowohl für die Wahl der Berufsausbildung als auch für die Wahl der späteren Berufslaufbahn unbedeutend ist (Teuscher, Makarova & Neuenschwander, 2019). Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die geschlechterstereotypen Zuschreibungen zwar einen entscheidenden Einfluss im Berufswahlprozess ausüben, deren einschränkende Wirkung wird aber von den Jugendlichen nicht erkannt. Somit braucht es gezielte Maßnahmen im Bereich der gendersensiblen Berufsorientierung, dieeine Reflexion über die Bedeutung der beruflichen Geschlechtstypik für die eigene Berufswahl hervorrufen können, um das Berufswahlspektrum von Jugendlichen zu erweitern.
Gendersensible Berufs-orientierung in der Schule
Das übergeordnete Ziel einer gendersensiblen Berufsorientierung im schulischen Kontext ist „eine kritische Reflexion pädagogischen Handelns im Hinblick darauf, ob Lerngelegenheiten bestehende Geschlechterverhältnisse manifestieren oder ob Angebote geeignet sind, Veränderungen mit dem Ziel der Förderung von Geschlechtergerechtigkeit herbeizuführen (Makarova, Driesel-Lange, Lüthi & Hofmann, 2017, S. 185).
Zu den Adressatinnen und Adressaten einer gendersensiblen Berufsorientierung gehören Schülerinnen und Schüler aller Schulstufen, da der Berufswahlprozess bereits in der Kindheit mit zunächst undifferenzierten Vorstellungen über Traumberufe beginnt. Die Berufswünsche werden im weiteren Prozess der Entwicklung von individuellen Interessen und Neigungen ausdifferenziert, was zur Konkretisierung der eigenen Berufswahl und zur anschließenden Suche nach einem Ausbildungs- oder Studienplatz führt. Demnach sollen die...

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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 90 / 2020

Berufsorientierung

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13