August Wilhelm Heidemann, Ursula Reinartz

Einblicke in Berufe geben Sicherheit

August Wilhelm Heidemann, Ursula Reinartz

Erfahrungen aus der Zusammenarbeit von Schule und Wirtschaft

Der Übergang von der Schule in eine Ausbildung sollte gut vorbereitet werden. Berufswahlvorbereitung und -orientierung sind immer auch als Lebensplanung zu verstehen. Lehrkräfte müssen diese Lebensplanung begleiten. Ein Schlüssel dazu sind Praktika, und zwar auch aufseiten der Lehrerinnen und Lehrer.

August Wilhelm Heidemann: Liebe Frau Reinartz, Sie gehören nun schon seit über 30 Jahren zum Arbeitskreis Schule und Wirtschaft in Bielefeld. Welche sind die zentralen Aufgaben dieses Arbeitskreises?
Ursula Reinartz: Die Arbeitskreise Schule und Wirtschaft gibt es in Nordrhein-Westfalen schon seit über 60 Jahren. Sie sind ins Leben gerufen worden und so auch unser Arbeitskreis hier in Bielefeld, den es auch schon fast so lange gibt, um den „Graben, den es damals zwischen Schule und Wirtschaft gegeben hat, zuzuschütten, um beide einander näherzubringen. Das begann mit der Gründung von Kooperationen Schule-Wirtschaft und umfasst mittlerweile sehr viele Bereiche, wie z.B. Lehrerfortbildungen, Lehrerbetriebserkundungen und Lehrerbetriebspraktika, Hilfe bei der Gründung von Schülerfirmen, Organisation von Girls Day und Boys Day, die Unterstützung bei der Praktikumssuche und auch die Vermittlung von Referenten/Praktikern in den Unterricht der Schulen. Ich arbeite hier in Bielefeld auch ganz eng mit der Industrie- und Handelskammer und mit der Handwerkskammer zusammen.
Von Vertreterinnen und Vertretern der Wirtschaft habe ich mehrfach die Aussage gehört, dass die Schülerinnen und Schüler heute keine ausreichende Ausbildungsreife mitbringen, wenn sie sich in der Übergangphase von der Schule in den Beruf befinden. Sehen Sie das genauso?
Man muss das sehr differenziert sehen. Eine Ausbildungsreife ist bei den meisten Schülerinnen und Schülern gegeben, aber es gibt auch eine ganze Reihe Jugendliche und das nimmt leider zu , die nicht ausbildungsreif sind. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich. Einerseits kann es sein, dass es am Elternhaus liegt. Es gibt also zunehmend Kinder, die bei einem alleinerziehenden Elternteil, meist Müttern, aufwachsen, die die Tendenz haben, das ist meine Erfahrung, die Kinder überzubehüten. Bei den Vätern gibt es das auch, aber ich habe jetzt mehrere Fälle kennengelernt, in denen die Kinder auf sich allein gestellt waren. Und das ist dann überhaupt gar keine Hilfe. Außerdem bekommen die Jugendlichen oftmals auch beim Lernen zu wenig Unterstützung aus dem Elternhaus. Andererseits liegt es auch an den Schulen. Die haben sehr viele Schüler und Schülerinnen in Praktika unterzubringen und lassen sie sehr frei selber suchen, was gut gemeint ist, weil die Schülerinnen und Schüler ja selbstständig werden sollen. Und dann wird mitunter von den Jugendlichen irgendein Platz genommen, um das Praktikum einfach nur abzuleisten (damit ist dann die Vorgabe der Landesregierung erfüllt). Hier müssten die Lehrkräfte die Lernenden besser motivieren und beraten und gezielter in die richtigen Plätze vermitteln, damit das Praktikum ihnen etwas bringen kann.
Es gibt nicht nur die Erwartung der Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft. Die andere Seite bilden die Schülerinnen und Schüler selbst. Haben sich deren Erwartungen in Hinblick auf die Ausbildung in den letzten Jahrzehnten verändert?
Ja, leider. Also, es ist so, dass Schülerinnen und Schüler zum Teil Berufe anvisieren, die sie aufgrund ihres Leistungsstands gar nicht erreichen können. Ich kenne auch Fälle, in denen die Eltern für ihre Kinder Berufe ausgewählt haben, die diese nicht anstrebten oder für die sie die Ausbildung gar nicht schaffen konnten.
Oft kommen Schülerinnen und Schüler mit der Erwartungshaltung, dass sie viel Geld verdienen und ein tolles Leben haben wollen, aber möglichst wenig dafür tun möchten. Und das ist ein Widerspruch in sich, den manche gar nicht sehen. Zur Berufswahlvorbereitung gehört es...

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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 89 / 2020

Übergänge

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 5-13