Julia von Weiler

Beziehungskompetenz stärken!

Julia von Weiler

Digitale Veränderungen von Kommunikation und Miteinander

„Wissen Sie eigentlich, wie verdammt anstrengend es ist, auf Insta immer cool rüberzukommen? schimpft eine 13-Jährige entnervt auf einem Workshop von Innocence in Danger e.V. mit Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften. Solche Ausbrüche von Kindern und Jugendlichen begegnen uns immer öfter. Er zeigt: So sicher und geborgen wie oft angenommen fühlen sich die digital natives im Netz vielleicht doch nicht.
Und sie sind immer früher online unterwegs. Ein Drittel der Neunjährigen, zwei Drittel der Elfjährigen und bereits neun von zehn der 13-Jährigen besitzen heute ein eigenes Smartphone. Ab dem 14. Lebensjahr tragen 99 Prozent der Jugendlichen das Internet mit sich herum. Sie gehören zur Generation always-on oder auch zur „Generation Selfie der Dr.-Sommer-Studie 2016. Die US-amerikanische Forscherin Jean Twenge nennt sie iGen, Generation iPhone, und hat herausgefunden: Die iGen trifft sich weniger offline als vorhergehende Generationen, sie neigt stärker zu Depressionen und auch ihre Suizidrate ist höher.
Die Gesellschaft allerdings bezeichnet diese Kinder als „digital natives, als Ureinwohner Digitaliens. Das klingt nach großer Freiheit und souveränem Umgang in den Plattformen des Netzes. Das Gegenteil ist der Fall.
Innocence in Danger befasst sich mit dem Netz und dem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. 2003 ging es noch darum, dass das Verbrechen des begangenen Missbrauchs gefilmt und dann digital weiterverbreitet wurde. Mit der Eroberung der Kindheit durch die Smartphones ist ein neues Phänomen hinzugekommen: Kinder und Jugendliche wachsen praktisch im Netz auf. Das hat ihr Kommunikationsverhalten völlig verändert. Das wiederum potenziert die Möglichkeiten von Täterinnen und Tätern. Und es kreiert ein soziales Verhalten, das häufig an der Grenze zwischen Sexualität und Missbrauch verläuft.
Sind Kinder wirklich Ureinwohner Digitaliens?
Unglücklicherweise steigt das Angebot an Beratung und digitaler Risikovorsorge auch an Schulen nicht so explosiv an wie der Besitz an Geräten und der Abschluss von Flatrates. Für die digitale Pubertät ist das fatal. In ihrem Bedürfnis nach Anerkennung, ihrem Erprobungsdrang und ihrem digitalen Kommunikationsverhalten setzen sich Kinder und Jugendliche häufig Risiken aus, die sie in ihrem Alter noch gar nicht kennen oder gar verstehen (können).
Die aktuelle DIVSI-Studie „U25 untersuchte die Stimmung der 14- bis 24-Jährigen im Umgang mit dem Digitalen. Neben positiven Aspekten gab es ebenso viele kritische Beobachtungen. Online zu sein erleben Jugendliche nicht als etwas Freiwilliges, sondern als gesellschaftlich verordnet. Sie fühlen sich „im Stich gelassen und lehnen das Wort „digital native total ab. Weil die erwachsene Gesellschaft damit so tut, als wären Jugendliche qua Geburt in der Lage, mit diesem Medium umzugehen. Genau das aber sind sie nicht. Mehr als ein Drittel dieser jungen Menschen gibt an, sich digital überhaupt nicht mehr mitzuteilen, weil die Verletzungs- und Verrohungskultur im Netz sie verstummen lasse. Das bedeutet, auf deutsch gesagt, dass ein großer Teil der Jugendlichen sich sozialen Medien nicht aussetzen mag, weil diese so asozial sind. Das lohnt es festzuhalten.
Sogenannte soziale Netzwerke verändern das Miteinander grundlegend. „Social Media macht dich zu einem Arschloch, beschreibt es Jaron Lanier in seinem lesenswerten Buch „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst.. Dennoch gilt überall, auch unter Jugendlichen: Wer dabei sein will, muss am besten ab der Grundschule bei WhatsApp oder irgendwie anders „on sein. Sonst ist man raus.
Social Media und Messenger revolutionieren unsere Kommunikation und damit auch unser Beziehungsleben. Wir alle spüren es und doch wissen wir noch nicht, wie genau die Mechanismen wirken. Niemand kann bisher sagen, wie sich digitale Medien langfristig auf die Entwicklung von...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 17 / 2019

Digitalisierung – Nicht nur irgendwas mit Medien

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13