Udo Klinger

Beruflich orientieren

Udo Klinger

326. Das ist die Zahl der Ausbildungsberufe in Deutschland. Von den akademischen Berufen sehen wir hier mal ab. Da tut Orientierung not. Wer also eine Lehre antreten möchte, muss vorher 325 Alternativen ausgeschlossen haben. Dazu brauchts Kriterien, Überblick und nicht zuletzt eine gute Beratung. Die kriegen meine Schülerinnen und Schüler immer: „Mach, was dir Spaß macht! Damit sind bisher noch alle gut gefahren. Nur die Dame vom BIZ fand das gar nicht lustig. Na ja, die vielen Rechnerterminals, die elaborierte Software und die ausgeklügelten Algorithmen müssen sich ja auch irgendwie amortisieren. Die spucken dann ganz andere Berufe aus und suggerieren mit ihren aalglatten Routinen eine Genauigkeit, die es sowieso nicht gibt. Nur weil ich gerne in der Natur bin, muss ich ja nicht Försterin, Gärtner oder Soldat werden.
Viel wichtiger sind Lebensmodelle. Ich wollte z.B. immer Privatier werden. Dem kam dann Lehrer noch am nächsten. Leider ist heute auch Hartz IV ein Lebensmodell, auf das manche bereits in der Schule abzielen. Für die 53.598 Personen, die 2018 die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen haben, muss man Berufsorientierung wohl etwas sportlicher denken.
Wie überhaupt: Was heißt das für die BO, wenn heute kaum noch jemand mit dem gelernten Beruf in den Ruhestand geht, wenn vielerorts eher allgemeine Kompetenzen gefragt sind als eine spezielle Ausbildung. Oder umgekehrt eine einmal erworbene Qualifikation sich anderweitig bestens bewährt. Bei uns geben die Mathelehrer prima Verwaltungskräfte ab, die Sprachler tolle Reiseleiter und die Sportler glänzen in der Organisation!
Nun geht es bei der Berufsorientierung ja auch nicht nur um das Navigieren im Berufedschungel. Man kann auch etwas ketzerisch sagen: Orientiert euch in den Klassen und im Fachunterricht mehr an der Realität der Berufswelt und weniger an euren akademischen Interessen. Das heißt nicht, dass etwa die Systematik des Fachs keine Bedeutung mehr hätte. Im Gegenteil: keine Praxis ohne Theorie. Aber hier und da ein paar „echte Fragen wären gut. Ich habe mich schon immer darüber gewundert, dass unsere braven Schülerinnen und Schüler das So-tun-als-ob einfach so schlucken. Nur in der Schule werden Fragen gestellt, deren Antwort jeder weiß. Außerhalb käme das gar nicht gut. Fragen Sie doch mal jemanden nach der Uhrzeit und sagen anschließend: „Ja, stimmt!
Es geht um Ernsthaftigkeit und bedeutungsvolles Lernen. Irgendwann ist es auch mal genug mit Spielen. Gebt den Lernenden eine Orientierung und zeigt ihnen, welchen Fragen, Problemen und Aufgaben sie sich im wahren Leben stellen müssen!
Für Auszubildende Lehrlinge fand ich irgendwie besser ist Schluss mit lustig! Das ist heute vielerorts bittere Realität. Mir klingt aus einem früheren Leben noch mein Meister im Ohr. Ein Lehrbub hat erst einmal zu verstehen und zu akzeptieren, dass er ein ganz kleines Licht ist! Lehrlinge stehen am unteren Ende der Hackordnung. Das war schon immer so und wird deshalb auch als natürlich angesehen. Sie haben keine Ahnung von gar nichts, stellen sich tapsig an und leisten nur wenig Produktives. Dafür haben sie die Werkstatt zu fegen, das Frühstück für die Gesellen zu besorgen und dem Meister die Kippen zu drehen.
So manch einer meint noch heute, daran könne man sich gar nicht früh genug orientieren. Treibt euren Jugendlichen in den Schulen die Flausen aus dem Kopf. Lehrjahre sind keine Herrenjahre!
Und gibt es nicht tatsächlich zu viele verhätschelte Muttis-Lieblinge? Möchtest du deine Hausaufgaben vorlesen? Fühlst du dich in der Lage, in diesem Projekt mitzuarbeiten? Wo möchtest du dich denn einbringen? Man stelle sich vor, wie das in der Werkstatt klänge. Und so führt mangelnde oder falsch verstandene BO dazu, dass so manch einer in der Lehre in ein Loch fällt. In der Anonymität einer Klasse, im Schutz eines ansonsten gut funktionierenden Teams, in der Geborgenheit der Schulgemeinschaft konnte man sich so herrlich...

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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 90 / 2020

Berufsorientierung

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13