Barbara Scholand

Abbau von (Geschlechter)-Stereotypen

Barbara Scholand

Zur gender- und differenzsensiblen Berufsorientierung

Lehrkräfte unterschätzen häufig den Einfluss, den die allgemeinbildende Schule auf das Berufswahlspektrum von Jugendlichen nehmen kann. Wird jedoch das Ziel einer gender- und differenzsensiblen Berufsorientierung implementiert, wirkt sich dies inspirierend auf die gesamte Schul- und Unterrichtsentwicklung aus, so die Überzeugung der Autorin.

Die jahrzehntelangen Bemühungen um die Erhöhung des Frauenanteils in MINT-Berufen waren bislang verhältnismäßig wenig erfolgreich und auch die Zahl von Männern in Erziehungs- und Pflegeberufen steigt nur langsam an. Dennoch ist insgesamt zu beobachten, dass die Geschlechterverhältnisse in Bewegung geraten sind, wenngleich noch nicht davon gesprochen werden kann, dass der Gleichberechtigungsanspruch des Grundgesetzes bezogen auf Ausbildung, Beruf, Karriere und die Verteilung von Sorgearbeiten eingelöst ist. Ein Grund hierfür sind hartnäckige Geschlechterstereotype: Sie führen u.a. zu der Annahme, dass die quantitative Verteilung von Frauen*1 bzw. Männern* in einem Beruf etwas damit zu tun habe, dass jedes Geschlecht seine eigenen Qualitäten hätte. Dies negierend beleuchtet der Beitrag zunächst die gesetzlichen Vorgaben und theoretischen Grundlagen für eine gender- und differenzsensible Berufsorientierung, um dann aufzuzeigen, wie diese Aufgabe in Schul- und Unterrichtsentwicklung umgesetzt werden kann.
Welche Rolle spielt Geschlecht in der Berufsorientierung?
In Rahmenverordnungen zur Berufsorientierung haben die Kategorien „Geschlecht, „Migrationshintergrund und „Behinderung nicht jedoch „Klasse Eingang gefunden, Geschlecht sogar in doppelter Weise: Zum einen sollen alle Schüler*innen in die Lage versetzt werden, ihre Ausbildungswahl „frei von Klischees zu treffen; zum anderen sollen z.B. in Nordrhein-Westfalen Mädchen und junge Frauen, insbesondere solche mit Migrationshintergrund, bei Bedarf besondere Förderung erhalten. Damit ist zwar der rechtliche Rahmen für die Umsetzung einer gender- und differenzsensiblen Berufsorientierung gegeben. Gleichwohl enthält dieser Rahmen weder eine berufswahl- noch eine geschlechter- bzw. differenztheoretische Fundierung, sodass das Wie einer klischeefreienOrientierung offenbleibt. Diese fehlenden Grundlagen wirken sich bereits in dem nordrheinwestfälischen Erlass selbst dahingehend aus, dass lediglich Mädchen* als Trägerinnen von Geschlecht und im Kontext von Migration als defizitär markiert werden, während Jungen* keine Erwähnung finden und dadurch zwar einerseits nicht „besondert, andererseits in ihrer Bedürftigkeit nicht wahrgenommen werden.
In vielen gesetzlichen Vorgaben zur Berufsorientierung spiegelt sich die Erkenntnis wider, dass Berufsorientierung ein höchst individueller Prozess ist. In der Praxis führt dies zum Teil zu dem Fehlschluss, damit seien Geschlechter- bzw. Differenzfragen ad acta zu legen. Die Anforderung einer „klischeefreien Ausbildungswahl zur Verwirklichung von Gleichberechtigung wird allein durch Individualisierung jedoch nicht erfüllt. Es bleibt die Frage: Wie kann Schule dazu beitragen, (Geschlechter-)Stereotype abzubauen, und wie kann auf individueller Ebene das Spektrum infrage kommender Berufe erweitert werden?
Gender- und differenzsensible Berufsorientierung
Gemeinsamer theoretischer Ausgangspunkt von kritisch auf Geschlecht bezogenen Unterrichtsmaterialien ist die empirisch-theoretische Erkenntnis, dass „männliches und „weibliches Verhalten nichts Natürliches ist, sondern etwas, das sich Individuen in Sozialisationsprozessen aktiv aneignen (müssen): Mädchen* und Jungen* erhalten in Kindheit und Jugend unterschiedliche Handlungsangebote. Bestimmte Verhaltensweisen werden bei Jungen* gefördert, bei Mädchen* abgelehnt und umgekehrt. Ein-Geschlecht-Sein wird also erlernt und folglich kann die Schule dazu anregen umzulernen. Bisherige „zielgruppenspezifische Angebote, wie z.B. der Girls und Boys...

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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 90 / 2020

Berufsorientierung

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13