Henryk M. Mioskowski

Zum Ernst des Lebens ohne Spiel?

Henryk M. Mioskowski

Schule als Anschlag auf die Lernfähigkeit der Kinder

Eltern, Erzieher und Lehrer wissen schon rein intuitiv, wie wichtig das Spiel für die kognitive Entwicklung des Menschen ist. Es ist die effektivste Lernmethode, die uns die Natur geschenkt hat. Experimentierend, ohne sich von der limitierenden Bewertung von falsch oder richtig irreführen zu lassen, erschließen sich Kinder ihre Welt.
Neurobiologen bestätigen die Alternativlosigkeit des spielerischen Lernens. Neben dem Begreifen von Zusammenhängen, Eigenschaften und Abläufen wird Sozialkompetenz und Selbstvertrauen entwickelt. Auch nicht neu ist, dass spielende Kinder und Erwachsene ausgeglichener sind. Denn ganz selbstverständlich werden bei spielerischem Tun kreative Fähigkeiten genutzt und weiterentwickelt.
Leistungsdenken von Eltern
Als Vater zweier (inzwischen schulpflichtiger) Kinder hatte ich bei einem Elternabend unseres damals fünfjährigen Sohnes in der Kita ein besonderes Schlüsselerlebnis. Es zeigte auf erschreckende Art, wie Eltern das Lernverhalten von Kindern wahrnehmen und verstehen.
Das engagierte Kita-Team präsentierte den Eltern Videoaufzeichnungen, die im Rahmen eines Programms zum Konfliktverhalten der Kindergruppen entstanden sind. Dieses Programm wurde in der Einrichtung mit viel Herzblut durchgeführt und dokumentiert. Im Laufe der Präsentation fiel mir eine Mutter in der Runde durch ihre Körpersprache auf. Sie schien die Beobachtungen der Kinder in Konfliktsituationen weniger zu interessieren. Offensichtlich hatte sie ein anderes, für sie wesentlich wichtigeres Anliegen, das sie dringend loswerden wollte. Entsprechend brach es dann auch sofort nach Abschluss des präsentierten Materials aus ihr heraus: „Wissen Sie, ich habe hier einmal eine grundsätzliche Frage: Jeden Tag frage ich meinen Sohn, was er denn heute gemacht habe. Seit Monaten bekomme ich von ihm immer dieselbe Antwort: ‚Nichts, Mama, wir haben nur gespielt.‘“
In einem noch erregteren Ton fuhr sie fort: „Ich verstehe das absolut nicht! Er soll doch bald in die Schule. Lernt er hier denn überhaupt nichts?
Die Atmosphäre, die durch diese Frage entstand, lud nun auch andere Eltern zur Bekräftigung und der Anmerkung ein, dass der Englischunterricht in den letzten Wochen ja auch ausgefallen sei.
Diese Situation zeigte überdeutlich das Missverständnis und den Aufklärungsbedarf zum Lernen durch das Spiel bei Eltern. Obwohl die Elementarpädagogik um die Bedeutung des Spielens weiß, lässt sie trotzdem Lernprogramme wie die erwähnten Fremdsprachenunterrichte und Rechenkurse zu. Auch wenn die Vermittlungsmethoden spielerische Elemente vorsehen, rauben sie den Kindern die Zeit zum freien Spiel. Spiele- und Hirnforscher gehen bei Kindern bis sechs Jahren von einem täglichen Bedarf von sieben bis acht Stunden für spielerische Beschäftigung aus.
Entgegen dieser Erkenntnisse und getrieben von der Angst, unsere Kinder würden den intellektuellen Anschluss nicht bekommen, versuchen wir schon im Vorschulalter ,Fakten nach ihrem Nutzen oder gar mit logischen Maßstäben zu bewerten. Im Sinne der Hirnforschung ist dies falsch, weil auch spielerische Prozesse, deren Sinn sich uns nicht erschließt, die Grundlage für die Entwicklung von Lernkompetenz bilden. Wir sollten deshalb unseren Kindern den Freiraum lassen, sich im kreativen Denken und Handeln zu entfalten und uns aus gutgemeinter Sorge mit Hilfestellungen und fertigen Lösungen aus Erwachsenenhirnen zurückhalten. So haben Kinder die Chance, das Lernen zu lernen.
Schule beginnt, Spielen endet
Noch viel schmerzhafter erfahren Kinder den von Erwachsenen angekündigten „Ernst des Lebens mit ihrem ersten Schultag. Von einem Tag auf den anderen ein fester Sitzplatz. Das sich bisher im Spiel erworbene ganzheitliche Weltbild wird ab jetzt zerstückelt und in Fächersilos abgelegt. Kreativität wird allmählich in den Kunst- und Musikunterricht verbannt.
Eine Schulstunde dauert 45 Minuten eine endlos...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 8 / 2017

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