Menno Baumann

Wer sprengt hier was?

Helena Zengel als Benni im Film „Systemsprenger“, der zeigt, wie ein Mädchen das Bildungssystem an seine Grenzen bringt (der Film ist auf DVD, Blu-ray und digital verfügbar)
Helena Zengel als Benni im Film „Systemsprenger“, der zeigt, wie ein Mädchen das Bildungssystem an seine Grenzen bringt (der Film ist auf DVD, Blu-ray und digital verfügbar), © Yunus Roy Imer / Port au Prince Pictures

Menno Baumann

Wege aus der Ohnmacht im Umgang mit sogenannten „Systemsprengern

In den letzten Jahren hat ein Phänomen unter dem Begriff „Systemsprenger Einzug in den pädagogischen Diskurs gehalten. Seit Herbst 2019 hat es sogar Eingang in die deutschen Kinos und Streamingdienste gefunden. Ich möchte deutlich machen, dass ohne jeden Versuch der Verharmlosung nur ein weiterer Blick auf dieses Phänomen handlungsfähig machen kann. Aber fangen wir ganz vorne an:
Seit es die allgemeine Schulpflicht gibt, sind Probleme im Sozialverhalten Bestandteil des Lebensraums Schule. Und seit Verhaltensprobleme Bestandteil des Lebensraums Schule sind, besteht Einigkeit, dass „es noch nie „so schlimm war wie heute. Und aktuell? Die Zahl von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in der emotionalen und sozialen Entwicklung steigt seit Jahren kontinuierlich an. Und auch die Zahl der psychiatrischen Diagnosen bei Schülerinnen und Schülern wächst. Aber bedeutet das, dass die Zahl schwieriger Kinder ansteigt? Oder führt das bessere Versorgungssystem einfach „nur dazu, dass wir mehr erkennen und diagnostizieren? Oder sind wir vielleicht einfach nur empfindlicher geworden?
Es ist hier nicht der Ort, um diese Fragen ausführlich zu diskutieren, aber festzuhalten bleibt, dass es wenig greifbare Hinweise darauf gibt, dass immer mehr Kinder erhebliche Schwierigkeiten im emotionalen und sozialen Erleben und Verhalten haben. Beispielhaft sei hier eine Studie aus Brandenburg genannt, die einen deutlichen Rückgang z.B. gewaltförmiger Verhaltensweisen verzeichnet hat (vgl. Niproschke u.a. 2016). Kriminalitätsstatistiken sowohl im Hell- wie im Dunkelfeld zeigen ähnliche Trends. Dennoch oder gerade deshalb dürfen wir die erlebte Zuspitzung von Verhaltensproblemen in Schule und Unterricht nicht banalisieren und erst recht nicht einem Kompetenzverlust der Lehrkräfte zuschreiben. Solche Verkürzungen führen direkt in eine Zunahme der Ohnmacht, die das Gegenteil von Handlungsfähigkeit darstellt.
Innerhalb dieser Thematik kommt es nun zu dem Phänomen, das aktuell unter dem Etikett „Systemsprenger diskutiert wird. Dieser Begriff so haben meine Kolleginnen und Kollegen Tijs Bolz und Viviane Albers und ich 2017 ausführlich diskutiert hat eine gewisse Absurdität: Einerseits soll (und hoffentlich will) unser Schulsystem inklusiv sein, also niemanden mehr ausgrenzen. Andererseits wird infolge von Überforderung und durch den Begriff „Systemsprenger suggeriert, es gäbe Kinder und Jugendliche, die die Systemgrenzen derart „sprengen, dass sie pädagogisch nicht mehr betreut werden können, Inklusion somit scheitere. Dadurch entwickelt sich einerseits die Tendenz, dass immer mehr Schulbegleitung eingesetzt wird was die Diagnose einer „seelischen Behinderung gemäß SGB VIII §35a voraussetzt und somit alles andere als „inklusive Wirkung entfaltet (und auch ein Bedingungsfaktor für den Anstieg psychiatrischer Diagnosen darstellt). Andererseits entwickelt sich ein zunehmend ausdifferenziertes Netz an „Intensivmaßnahmen in Form von Projekten, die oft als parallele Kurzzeit- oder sogar Schulersatzmaßnahmen fungieren und zum Teil im doch wieder klassischen Förderschulsystem angesiedelt sind, zunehmend aber auch im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe stattfinden.
Wichtig ist mir an dieser Stelle, deutlich zu machen, dass das Phänomen „Systemsprenger auf der Grundlage meiner Erfahrungen und Forschungen der letzten zehn Jahre keine gute Beschreibung eines jungen Menschen darstellt, sondern vielmehr ein Prozessgeschehen zwischen einem Menschen (mit einer zweifelsfrei gravierenden psychosozialen Problematik), den Kontextbedingungen (wofür ist gerade dieses System „störungsanfällig, wie ist die Gesamtstruktur der Klasse aufgestellt etc.) und konkreten Situationen der Überforderung (diese sind komplex genug, um einen eigenen Artikel zu füllen). Daraus ergibt sich, dass auch Interventionen mehr sein müssen als der Versuch, das Kind...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 21 / 2020

Herausforderungen – Der ganz normale Wahnsinn

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13