Marc Thielen

Wenn neu eingewanderte Kinder und Jugendliche kommen

Marc Thielen

Seiteneinstieg ins Schulsystem professionell begleiten

Insbesondere in den letzten beiden Jahren hat der Zugang an neu eingewanderten Kindern und Jugendlichen ins deutsche Schulsystem stark zugenommen. Deshalb steht das migrationsgeschichtlich keineswegs neue Phänomen des Seiteneinstiegs wieder verstärkt und je nach Region für viele Schulen auch neu auf der Agenda. Wenngleich die Bundesländer unterschiedliche Konzepte verfolgen und insbesondere jüngere Kinder an Grundschulen in integrativen Ansätzen rasch in Regelklassen beschult werden, durchlaufen ältere Kinder und Jugendliche vor allem im Sekundarbereich zunächst für mehr oder weniger lange Zeiträume spezielle Lernarrangements, die je nach Bundesland unterschiedlich bezeichnet sind (z.B. „Vorklassen, „Vorkurse, „Willkommensklassen) und vornehmlich auf die Vermittlung der Unterrichtssprache Deutsch zielen. Allerdings müssen geflüchtete Kinder und Jugendliche mancherorts längere Wartezeiten in Kauf nehmen, bevor sie überhaupt einen Schulplatz erhalten (vgl. hierzu die Kampagne Schule für alle: http://kampagne-schule-fuer-alle.de). Obwohl die 2013 überarbeiteten KMK-Empfehlungen zum Interkulturellen Lernen die migrationsbedingte Vielfalt ausdrücklich als Normalität bezeichnen, verdeutlicht die Organisation des Seiteneinstiegs über Vorbereitungsklassen, dass Kinder und Jugendliche, die nicht in der deutschen Sprache sozialisiert wurden und die hiesigen vorschulischen und schulischen Bildungsinstitutionen durchlaufen haben, offensichtlich im Regelunterricht nicht als ‚normal betrachtet werden oder zugespitzt formuliert gar nicht vorgesehen sind.
Bundesweit unterschiedliche Herangehensweisen
Integration gelingt nach weit verbreiteten Vorstellungen am ehesten, wenn neu eingewanderte Kinder und Jugendliche in vorbereitenden Lernarrangements möglichst umfassend an die institutionellen Voraussetzungen der noch immer nationalstaatlich verfassten, in aller Regel monolingual arbeitenden Schule angepasst werden. Die auch in wissenschaftlichen Kontexten unterschiedlich bewertete, empirisch noch genauer zu beleuchtende Frage nach dem Für und Wider schulischer Integration über den Weg der (zeitweiligen) Separation kann hier nicht diskutiert werden. Wohl aber ist nach der Unterrichtsqualität in den häufig provisorisch eingerichteten und tendenziell marginalisierten Lernarrangements ebenso zu fragen wie nach den „Nebenwirkungen, die aus dem „Rezept der Vorkurse resultieren können. Für die dort beschulten Kinder und Jugendlichen besteht die Gefahr, in der Schule als eine besondere und zudem tendenziell defizitäre Personengruppe wahrgenommen zu werden, die sich die uneingeschränkte Zugehörigkeit erst durch die Erarbeitung eines bestimmten Sprachniveaus verdienen muss.
Bei den Lehrkräften besteht das Risiko, dass sie die Verantwortung für die schulische Integration dieser Seiteneinsteiger an die Vorklassen delegieren, während diese Gruppe im unterrichtlichen Handeln in den Regelklassen nicht im Fokus steht, da hier ja mit bereits „fit gemachten Schülerinnen und Schülern gerechnet wird. Dass diese Rechnung in der Schulpraxis häufig nicht aufgeht, zeigen Hinweise, dass es neben sehr engagierten Lehrkräften auch solche gibt, die das Unterrichten von Kindern und Jugendlichen aus Vorkursen ablehnen, da sie sich angesichts fehlender Qualifikationen in DaZ/DaF für die vermeintlich besondere Schülerschaft nicht zuständig sehen.
Soll eine langfristige und erfolgreiche Teilhabe an schulischer Bildung gewährleistet werden, kann sich Schule nicht auf eine möglichst schnelle Anpassung der neu eingewanderten Schülerinnen und Schüler in Vorklassen beschränken. Vielmehr muss sich Schule insgesamt verändern und auf die migrationsbezogene Vielfalt mit einer langfristig angelegten Schulentwicklung reagieren. Diese ist von der Schulleitung zu verantworten und unter Einbeziehung des gesamten Kollegiums voranzutreiben. Ein wesentlicher Bestandteil einer...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 8 / 2017

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