Helmut Lungershausen

Von einem Grenzgänger zwischen Ländern

Helmut Lungershausen

Ein Interview mit dem Einwanderer Kemal Berberovic

Schule leiten: Was war für Sie das größte Problem, als Sie von Bosnien zum Studium nach Deutschland kamen?
Kemal Berberovic: Es war zunächst gar nicht so einfach, eine geeignete Unterkunft zu finden. Das andere große Problem, welches auf mich zukam, war eine unglaubliche Bürokratie. Das beginnt zum Beispiel schon beim Bücherausleihen in der Universitätsbibliothek um das komplexe System überhaupt zu verstehen, gab es extra ein studienbegleitendes Pflichtseminar.
In Bosnien hingegen wurden den Studenten die gewünschten Bücher einfach ganz unkompliziert von den Bibliotheksangestellten überreicht.
Was die deutsche Bürokratie betrifft, ist man häufig auf Hilfe angewiesen. Um damit zurechtzukommen, muss man sich daran gewöhnen, viele Fragen zu stellen und hartnäckig zu bleiben.
Schule leiten: Wie haben Sie den Übergang emotional erlebt und verarbeitet?
Kemal Berberovic: Ich war neugierig auf das Unbekannte und habe es als Herausforderung gesehen. In meinen Augen war jede bestandene Prüfung ein riesiger Erfolg. Ich hatte Glück mit meinem Fachstudienleiter, der mir immer mit guten Ratschlägen zur Seite stand. Insgesamt denke ich sehr gerne an das Studium in Deutschland zurück.
Schule leiten: In welchen Bereichen oder Problemen mussten Sie am meisten umdenken?
Kemal Berberovic: Der Umgang mit den Professoren ist in Deutschland um einiges „lockerer als in Bosnien. Darüber hinaus musste ich mich erst daran gewöhnen, dass einige Studenten während der Vorlesungen essen, trinken oder sogar häkeln. Was das Verfassen von Hausarbeiten betrifft, musste ich schnell feststellen, dass hierzulande die Formatierung und das Layout der Texte häufig als genauso wichtig erachtet werden wie der Inhalt. Die deutsche Genauigkeit bei solchen Dingen ist kein Klischee. Ansonsten war das hohe Maß an Selbstständigkeit, welches an der Universität und im alltäglichen Leben aufgebracht werden muss, zunächst eine große Herausforderung.
Schule leiten: Was ist Ihnen in Deutschland am deutlichsten aufgefallen?
Kemal Berberovic: Zum Thema Studium: Es gibt an der Universität zwar etliche Beratungsstellen für die unterschiedlichsten Anliegen, die einem letztlich jedoch bei Weitem nicht immer wirklich weiterhelfen können. Was die Struktur des Studiums an sich betrifft, sind bei den hiesigen Professoren Gruppenarbeiten, Referate und Präsentationen sehr beliebt. Und ich war erstaunt, wie wenig leistungsbewusst viele Studenten hier sind.
In den Schulen in Deutschland wird versucht, sehr intensiv auf den oder die Einzelne einzugehen, dabei werden meiner Meinung nach zu wenig Grenzen gesetzt. Vieles wird mit den Schülerinnen und Schülern diskutiert, aber es fehlen Konsequenzen. Ich hab das Gefühl, dass sich viele Lehrer nicht trauen, die Regeln der Schule durchzusetzen. Das ist für mich auch ein Grund, weshalb die Lehrkräfte sehr oft überfordert sind und dies dann auch offen sagen. So etwas habe ich in Bosnien nicht erlebt.
Schule leiten: In welchen Situationen denken Sie noch in Ihrer Muttersprache?
Kemal Berberovic: In Situationen, die mich emotional berühren, zum Beispiel, wenn ich mich aufrege. Wenn ich nachdenke, geschieht das noch in Bosnisch, und auch wenn ich ein Gedicht schreibe.
Schule leiten: und wann schon in Deutsch?
Kemal Berberovic: Was ich erst richtig lernen musste, war der Umgang mit Humor und Ironie. Dazu benötigt man eine Menge Sprachkultur, die man in der Schule nicht lernt. Erst als ich „in Deutsch lachen konnte, hatte ich das Gefühl, in der Kultur angekommen zu sein.
Wenn ich meinen Unterricht vorbereite, stelle ich mir die Frage, wie ich vorgehe, noch in Bosnisch, aber die Antwort gebe ich mir in Deutsch, weil dabei die deutschen Fachbegriffe eine Rollen spielen. Ein Beispiel: Wenn ich den Begriff „aktives Zuhören verwende, kann ich gar nicht sagen, wie das in Bosnisch genau heißen müsste.
Wenn es darum geht, bestimmte...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 8 / 2017

Übergänge – Mind the gap!

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13