Gerald Nolte

Pippi und das Urheberrecht

Gerald Nolte

Berühmte Persönlichkeiten wirken oft als Vorbild. Das gilt auch für fiktive Romanfiguren, beispielsweise für Pippi Langstrumpf. Möchte man die unabhängige, freche Göre zur Patronin der Schule machen oder ins Zentrum einer Mottowoche stellen, gibt es allerdings rechtliche Vorschriften, die zu beachten sind.

Wer kennt sie nicht die freche Piratentochter mit den abstehenden roten Zöpfen mit den vielen Sommersprossen mit eigenem Pferd und Äffchen? Seit 1945 Jahren begeistert die Romanfigur Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminza Efraimstochter Langstrumpf kurz Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren die Kinder. Gerade zur Karnevalszeit tauchen immer wieder kleine Mädchen im Pippi-Kostüm in Kindergärten und Schulen auf. Und obwohl Pippi niemals eine Schule besucht hat und auch nicht richtig rechnen kann („zwei mal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neune), gibt es zahllose Pippi-Langstrumpf-Schulen und -Kindergärten im Land. Aber auch Juristen setzen sich mit Pippi intensiv auseinander. In Baden-Württemberg zum Beispiel hatte der Kindergarten einer Stadt über 20 Jahre den Namen „Villa Kunterbunt getragen, bevor sich die Stadtverwaltung bei der Erbengemeinschaft von Astrid Lindgren, in Schweden vertreten durch das Unternehmen Saltkråkan AB, nach den Lizenzrechten erkundigte. Und die Erbengemeinschaft reagierte prompt: Für die Verwendung des Namens Villa Kunterbunt forderte sie Lizenzgebühren von 500 Euro jährlich. Als die Stadt die Zahlung ablehnte und eine Namensänderung des Kindergartens erwog, gab die Erbengemeinschaft jedoch nach. Nach ihren Angaben sei ihr primäres Ziel nicht die Geltendmachung von Lizenzgebühren, sondern, das Erbe Lindgrens und ihrer Arbeit zu schützen. Dabei stehe im Vordergrund, die Geschichten und Figuren in der Form zu erhalten, wie die Autorin sie geschaffen habe.
Die Göre beschäftigt Gerichte
Auch der Bundesgerichtshof hat sich bereits mehrfach mit der Frage des urheberrechtlichen Schutzes der Romanfigur beschäftigt. Die Rechtsprechung könnte auch Auswirkungen auf Schulen oder Kindergärten haben, die z.B. eine Mottowoche zu Pippi Langstrumpf durchführen wollen.
Nach dem deutschen Urheberrecht erlischt das Urheberrecht 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers (§ 64 Urheberrechtsgesetz; UrhG). Nach Ablauf der Schutzfrist erlöschen alle dem Urheber zustehenden Befugnisse, also sowohl persönlichkeits- als auch vermögensrechtliche. Das jeweilige Werk wird gemeinfrei, d.h. es kann von jedermann zustimmungs- und vergütungsfrei genutzt werden. Das Urheberrecht und damit auch das Nutzungsrecht an Astrid Lindgrens Büchern ist jedoch noch lange nicht erloschen. Die Autorin ist am 28. Februar 2002 verstorben.
Damit sind Lindgrens Romane als Schriftwerke nach § 2 Abs. 1 Nr. 1 UrhG urheberrechtlich geschützt. Rechteinhaber sind die Erben von Astrid Lindgren sowie die herausgebenden Verlage (die Romane werden in den verschiedenen Ländern von verschiedenen Verlagen herausgegeben; in Deutschland vom Verlag Friedrich Oetinger). Letztere haben wiederum ein ausschließliches Nutzungsrecht von der Autorin und/oder deren schwedischem „Heimatverlag eingeräumt bekommen. Auch die Illustrationen auf den Bucheinbänden und in den Büchern sind als Werke der bildenden Kunst nach § 2 Abs. 1 Nr. 4, Abs. 2 UrhG urheberrechtlich geschützt. Somit bedarf jede urheberrechtliche Verwertungshandlung der Zustimmung der Rechteinhaber. Dies betrifft insbesondere,
  • das Vervielfältigungsrecht (§ 16 UrhG) z.B. durch Kopieren des Romans für nicht nur private Zwecke (Schulen dürfen aber pro Schuljahr und Klasse 10% des Romans [maximal 20 Seiten] für den Unterricht kopieren oder einscannen);
  • das Bearbeitungsrecht (§  23 UrhG) z.B. durch Nachzeichnen der Romanfigur:
  • und das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung (§ 19 UrhG), etwa durch Nachspielen eines Pippi-Romans in einer Theater-AG.
Nach § 97 Abs. 1 UrhG ist es verboten, die Rechte des...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 8 / 2017

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