Helmut Lungershausen

Nicht abblocken, ernst nehmen!

Helmut Lungershausen

Auf Elternbeschwerden richtig reagieren

Die Grundschule praktiziert ein Regelsystem, um die Kinder zu einem unterrichtskonformen Verhalten zu erziehen. Zwei Eltern nehmen an einem Punkt des Regelsystems Anstoß und wollen sich bei der Rektorin beschweren. Das Regelsystem hat sich nach Ansicht des Kollegiums bewährt, und die Rektorin lehnt es gegenüber den Eltern ab, darüber zu diskutieren. Diese fühlen sich abgewimmelt und wenden sich auf verschiedenen Wegen an die Öffentlichkeit. In der Folge bricht ein wahrer Shitstorm über die Schule herein: Die Presse berichtet, das Regionalprogramm des Fernsehens stellt die Schule an den Pranger, ein Landtagsabgeordneter wird einbezogen, im Gemeinderat erfolgt eine Anfrage und die Schulbehörde schaltet sich ein.
Die Schulleitung fühlt sich von dieser Lawine überrollt. Im Kollegium brechen durch den äußeren Druck Meinungsverschiedenheiten auf. Der Schulfrieden ist nachhaltig gestört. In dieser Situation greift die Schulleiterin nach Hilfe von außen. Sie engagiert einen Coach zur Beratung der Schulleitung. In mehreren Sitzungen wird eine Strategie für das Verhalten und die Öffentlichkeitsarbeit erarbeitet, durch welche die Wogen geglättet werden können. Erst nach mehreren Dienstbesprechungen und Gesprächsterminen, der Flexibilisierung des Regelsystems und vielen Gesprächen kehrt wieder etwas Ruhe ein.
Der Vorfall aus einer Gemeinde mit 7300 Einwohnern ist ein Lehrstück für den Fall, dass Eltern sich mit ihrer Beschwerde nicht akzeptiert fühlen. Die Schulgesetze räumen den Eltern Beteiligungsrechte ein. Und die Schulen begrüßen es, wenn sich Eltern für die Schule engagieren. Das führt aber auch dazu, dass Eltern sich Kompetenzen anmaßen und Beteiligungsrechte einfordern, wenn es um Fragen der schulischen Erziehung geht. Natürlich sind solche Versuche der Einflussnahme nicht immer von pädagogischem Sachverstand geprägt. Dennoch muss sich die Schulleitung mit solchen Elternaktivitäten auseinandersetzen.
Viele Eltern akzeptieren nicht mehr den Expertenstatus oder die Autorität von Schulleitungen und Lehrkräften. Sie wollen mit ihren Aktionen beachtet werden und finden, wenn das nicht erfolgt, einen Weg in die Öffentlichkeit. Damit können sie einen Prozess in Gang setzen, den die Schule nicht mehr steuern oder beeinflussen kann. Deshalb gilt die eiserne Regel, dass auf Elternbeschwerden nicht mit Abblocken reagiert werden darf.
Eiserne Regel: Beschwerden nicht abblocken!
Schon aus einer wirtschaftlichen Überlegung heraus ist es sinnvoll, sich mit Elternbeschwerden auseinanderzusetzen, auch wenn sie noch so unsinnig erscheinen. Ein Gespräch, in dem man die Eltern anhört nach dem Motto „Ich kann Sie verstehen, aber ich teile nicht Ihre Meinung! Wir werden darüber beraten …“ kann das Gefühl vermitteln, von der Schulleitung ernstgenommen zu werden. Solch ein Gespräch, bei dem die Schulleitung Geduld zeigt und Gelassenheit praktiziert, dauert vielleicht eine Stunde. Aber dieser Aufwand erscheint gering gegenüber dem Eindämmen einer Lawine, die abgeblockte Elternbeschwerden auslösen können. Nehmen Sie sich deshalb auch für abstruse Beschwerden etwas Zeit, denn dadurch können Sie sich viel Zeit und Ärger in der Zukunft ersparen.
Abgewimmelte Beschwerden landen auf dem Umweg über die Kultusbürokratie wieder in der Schule. Die Schulleitung wird zur Stellungnahme aufgefordert und muss den Vorfall dokumentieren. Allein dieser Aufwand rechtfertigt die direkte Annahme der Beschwerde.
Beschwerden sind Chefsache
Die Beschäftigung mit einer Beschwerde, die Sie persönlich für unsinnig halten, fordert Ihr kommunikatives Geschick heraus. Sie müssen auf der Beziehungsebene freundlich und empathisch sein und bleiben, auf der Inhaltsebene aber Ihre Vorbehalte oder Bedenken nicht zurückhalten. Blocken Sie Ideen oder Forderungen der Beschwerdeführer nicht direkt ab, sondern reagieren Sie „weich. Das geschieht am besten durch Formulierungen wie: „Ich werde...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 9 / 2017

Eltern und Schule – Beziehungskiste

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13