Margret Rasfeld

Mut zum Musterbruch

Illustration: Ulrich Deppe unter Verwendung von © iStock.com / by-studio

Margret Rasfeld

Das Projekt Herausforderung

Wir gehen in eine Welt, die sich von allem, was wir bisher kannten, radikal unterscheidet. Wir werden mit Fragen umgehen müssen, auf die es noch keine Antworten gibt, und werden Lösungen finden müssen, für die wir unbekannte Wege einschlagen werden. Mut und Vertrauen in Ungewissheit werden zentrale Zukunftskompetenzen. Wie bereiten wir junge Menschen darauf vor? Wie soll uns das gelingen in einer Schule, die traditionell angelegt ist auf Sicherheit? Eine Schule, in der in einem festgelegten Stundenplan Unterricht von Lehrkräften so geplant ist, dass feststeht, was am Stundenende herauskommen soll, und auch die Lehrerausbildung noch auf diesen Modus ausgerichtet ist. Trotz vielfältiger nationaler und internationaler Expertisen und Empfehlungen ist das informelle „Just-in-time-Lernen im Leben bisher nicht ernsthaft in Schule integriert. Die traditionellen Schulen sind nicht in der Lage, die noch zu etwa 50 Prozent brachliegenden humanen Begabungspotenziale zu entwickeln, das natürliche, situative Lernen sollte in Zukunft stärker beachtet, unterstützt und weiterentwickelt werden (s. Faure 1972, Dohnen 2001).
Heute spüren viele Menschen, dass etwas in unserem Schulsystem grundsätzlich nicht mehr in die Zeit passt, doch es fehlt oft die Vorstellungskraft, wie es auch ganz anders sein kann. Die gute Nachricht: Etliche Schulen haben begonnen, Lernformate einzuführen, die Wandelpotenzial in sich tragen. Das Lernen im Leben gehört zentral dazu. Es ist ein Musterbruch, denn dabei stellt situativ das Leben die Fragen und nicht die Lehrkraft oder das Arbeitsblatt. Für das informelle Lernen gibt es an Schulen bereits erprobte Settings, wie das strukturell fest verankerte Lernen in Projekten, das Projekt Verantwortung, der Frei-Day für Zukunftslernen. In diesem Beitrag stelle ich exemplarisch ein anderes Setting vor, nämlich das „Schulfach Herausforderung an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum, das dort 2007 eingeführt wurde.
Das Projekt Herausforderung
Herausforderung bedeutet: Alle Schülerinnen und Schüler bekommen im Jahrgang 8, 9 und 10 die ersten drei Wochen im Schuljahr geschenkt, um hinaus in die Welt zu gehen und eine Herausforderung zu meistern, die sie sich selbst gestellt und eigenständig vorbereitet haben außerhalb von Berlin, weg von den Eltern. Unterwegs sind sie meistens in Gruppen, zu Fuß, mit dem Fahrrad oder auf dem Wasser. Oder sie arbeiten ortsgebunden auf einem Bauernhof oder unterstützen soziale oder ökologische Projekte. Die Jugendlichen werden als Team im echten Leben herausgefordert, lernen, mit Konflikten klarzukommen, Frustrationen hinzunehmen, trotz Widerständen durchzuhalten, an eigene Grenzen zu stoßen, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, gemeinsam stark zu sein und zusammenzuhalten. Herausforderung ist das Lieblingsfach der Jugendlichen. Entsprechend lebendig geht es in der Vorbereitungszeit zu. Dann werden Suchanfragen per Zettel veröffentlicht: „Ich will ein Floß bauen, wer macht mit? „Wir brauchen noch zwei Leute für unsere Wanderung zur Ostsee. „Wer kann mir Fahrradtaschen leihen?Die Herausforderungen laufen wie folgt in Phasen im Schuljahr ab: Start im Februar, Finden der Gruppen und der Projekte bis zu den Osterferien, vier Doppelstunden Gruppenvorbereitung mit Coach, Elternabend, Start zu Beginn des neuen Schuljahres, Reflexion der Erfahrungen nach der Rückkehr, Herausforderungscampus für Eltern und die Öffentlichkeit.
Den Jugendlichen stehen pro Person 150 Euro zur Verfügung. Davon müssen sie alles bestreiten: Fahrtkosten, Unterkunft und Verpflegung. Übernachtungen in Jugendherbergen oder Zeltplätze kann man sich davon nicht leisten. So müssen sie mutig irgendwo anklingeln, ihre Hilfe anbieten, kreativ werden, sich mit Fremden und Fremdem anfreunden. Eine der wichtigsten Erfahrungen, die nahezu alle machen: wie freundlich die Menschen zu ihnen sind. Alice hat dies wunderbar so beschrieben: „Während der...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 21 / 2020

Herausforderungen – Der ganz normale Wahnsinn

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 7-10