Matthias Bartscher

Lebenswelten verstehen

Matthias Bartscher

Achtsamkeit für Exklusionsmechanismen entwickeln

Alle Eltern sind gleich? Bezogen auf die Zusammenarbeit mit Eltern lässt sich feststellen, dass es zu einer echten Teilhabe aller Eltern in den Schulen noch ein langer Weg ist. Hierzu ist es hilfreich, die z.T. subtilen Exklusionsprozesse zwischen Eltern und Schulen und unter Eltern besser zu verstehen. Sie dringen nur manchmal, meist in Verbindung mit Konflikten, an die Oberfläche der Wahrnehmung. Dann wird deutlich, dass sie nicht dieselben Interessen und Ziele, nicht dieselben Fragen und Probleme und nicht denselben Zuwendungsbedarf haben.

Einstellungen von Eltern
Eine erste Annäherung an die Sichtweisen von Eltern bieten die aktuellen Zahlen der Elternbefragung des Deutschen Schulbarometers (Infas 2019):
  • 77% aller Eltern würden die Schule ihres Kindes weiterempfehlen.
  • 81% der Eltern von Grundschulkindern halten die Lehrkräfte ihres Kindes für engagiert, allerdings nur 66% der Eltern von Kindern, die eine weiterführende Schule besuchen.
  • 63% der Eltern sind der Auffassung, dass ihr Kind gerade richtig gefördert wird.
  • Von den Eltern der Grundschulkinder stimmen 62% der Aussage zu, dass sich die Schule ihres Kindes um leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler kümmert. Nur 51% der Eltern an weiterführenden Schulen stimmen dem zu.
  • 76 % der Befragten fühlten sich ausreichend über die schulische Entwicklung ihres Kindes informiert.
Das zeigt zunächst einmal, dass 60 – 80% der Eltern grundsätzlich ein positives Verhältnis zur Schule ihrer Kinder haben. Damit könnte man eigentlich zufrieden sein. Doch es gibt auch eine Reihe von kritischen Punkten, die auffallen. Die unzufriedenen Eltern sehen z.B. viele Themen deutlich kritischer, und es gibt auch weitere Baustellen:
  • Ausreichende Vorbereitung aufs Leben: Nur 46% der Befragten sind der Auffassung, dass die Schule ihr Kind ausreichend gut auf das Leben nach der Schule vorbereitet.
  • Seelische Unversehrtheit: 38% der Eltern berichten, dass es in den vergangenen zwei Jahren Probleme mit Mobbing gab; 17% der Kinder seien selbst von Mobbing betroffen gewesen.
  • Beteiligungsmöglichkeiten für Eltern: 40% aller befragten Eltern sehen unzureichende Möglichkeiten, an der Schule des Kindes mitzuarbeiten; 18% meinen, dass dort zu viel Engagement von den Eltern erwartet wird.
Will man diese Zahlen bewerten, muss man sich fragen, ob ein Bildungssystem mit 30 – 60% unzufriedenen Eltern zu bestimmten Fragen leben kann. Die Befragung sagt nichts darüber aus, wie die schulische Entwicklung der Kinder der Befragten einzuschätzen ist. Es ist zu vermuten, dass vor allem die Eltern derjenigen Kinder sehr unzufrieden mit „ihrer Schule sind, bei denen die Entwicklung nicht gut läuft. Dann stellt sich umso mehr die Frage, wie diese Mütter und Väter zu erreichen und für eine gute Zusammenarbeit zu gewinnen sind, sodass die Kinder davon profitieren.
Erkenntnisse aus der soziokulturellen Milieuforschung zur Abgrenzung
Zu einem besseren Verständnis der Abgrenzungsmechanismen zwischen Schule und Elternhaus und zwischen Eltern untereinander helfen die soziokulturelle Milieustudien, die unter dem Namen Sinus- bzw. Deltastudien bekannt sind (Merkle & Wippermann 2008, Wippermann u.a. 2013). Sie untersuchen neben den Merkmalen der klassischen Sozialforschung (sozialer Status/Einkommen, Bildungsniveau) vor allem die individuellen Wertorientierungen und die daraus abgeleiteten Lebensstile.
Demarkationslinien soziokultureller und sozialhierarchischer Abgrenzung
Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Studien sind die Abgrenzungstendenzen zwischen unterschiedlichen Milieus. Um die Entstehung und Wirkung dieser Abgrenzungsmechanismen zu veranschaulichen, stellen wir uns eine Gruppe von Eltern beim ersten Schultag vor.
Zu Beginn der Schulzeit des Kindes, bei der Einschulung und bei den ersten Infoveranstaltungen scheinen Eltern noch eine homogene Gruppe zu sein, weil sie alle...

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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 92 / 2020

Eltern

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