Ahmet Derecik

Informelles Lernen nutzen

Ahmet Derecik

Offene Lernumgebungen an Ganztagsschulen arrangieren

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) betont die Freizeitgestaltung als eine von sieben Qualitätskriterien der Ganztagsschule. Hierbei wird explizit die Bedeutung curricular ungebundener Zeit für Ruhe und Kommunikation sowie für Bewegung, Spiel und Sport hervorgehoben. In der Konsequenz bedeutet dies, neben dem formellen Unterricht und den nicht-formellen Ganztagsangeboten zusätzlich Räume für informelles Lernen in den Pausen zur Verfügung zu stellen. Das wird inzwischen auch im „Qualitätsrahmen für Ganztagsschulen berücksichtigt und entsprechend werden vielfältige Freiräume zum informellen Lernen gefordert (vgl. Holtappels, Kamski & Schnetzer 2009).
Schule zum Wohnumfeld machen
Hintergrund hierfür sind u.a. die aktuelle Bildungsdebatte und die Veränderungen im Aufwachsen von Heranwachsenden. Die Lebenswelt der Heranwachsenden hat sich in den letzten 20 Jahren dramatisch verändert und zeichnet sich vor allem durch eine Institutionalisierung und damit mit einem zunehmenden Verlust an informellen Handlungsräumen mit Gleichaltrigen aus. Diese sind jedoch immens wichtig für die persönliche und soziale Entwicklung und sie können auch einen Einfluss auf die Schulleistungen haben. Die Einführung von Ganztagsgrundschulen verschärft die Situation, falls den Heranwachsenden während der Schulzeit keine ausreichenden Freiräume zur Verfügung gestellt werden. Deshalb sind Ganztagsschulen gefordert, Aufgaben des Wohnumfeldes zu übernehmen und die Lebenswelt der Heranwachsenden zu berücksichtigen.
Freiräume für freie (Lern-)Zeit
Ein weiterer wichtiger Grund zur Förderung des informellen Lernens in der Ganztagsschule liegt in der aktuellen Bildungsdebatte begründet. Ein Großteil aller menschlichen Lernprozesse findet in informellen Situationen statt. Diese informellen Lernprozesse tragen zum Erwerb von Schlüsselkompetenzen bei. Für die Schüler und Schülerinnen ist die Schule nicht nur ein Ort des formalen Lernens im Unterricht, sondern in erster Linie vermutlich der wichtigste und größte Sozialraum, in dem während der Pausen sowie neben dem Unterricht vielfältige informelle Lernprozesse ablaufen. Dementsprechend scheint es sowohl für die persönliche Entwicklung von Heranwachsenden als auch für die qualitative Weiterentwicklung von Ganztagsgrundschulen eine wichtige Aufgabe zu sein, informelle Lernprozesse zu ermöglichen. Eine prädestinierte Möglichkeit hierfür besteht darin, in den Pausen und während der freien Zeit in der Betreuung gewisse Bereiche im Schulgebäude und auf dem Schulhof als Orte des informellen Lernens aufzufassen und entwicklungsadäquate Freiräume zur Verfügung zu stellen.
In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass vielen verantwortlichen Akteuren von Ganztagsschulen kaum bewusst zu sein scheint, dass die Dauer des Aufenthalts der Heranwachsenden in Freiräumen während der Pausen und der Betreuungszeit, im Gegensatz zu Halbtagsschulen, deutlich zunimmt. Gemessen an den Rhythmisierungsplänen der Schulpreisträger der letzten Jahre, beträgt die Dauer der Pausen im Durchschnitt 500 – 900 Minuten pro Woche. Das entspricht etwa elf bis 20 45-minütigen Unterrichtsstunden. In Abhängigkeit von der Schulstufe und -form entspricht dies an weiterführenden Schulen mindestens 33% der Anwesenheitszeit pro Woche und in der Schuleingangsphase kann die Zeit für das informelle Lernen während der Pausen und der Betreuung fast genau so viel wie die verordnete Gesamtunterrichtszeit pro Woche betragen. Hier liegt ein enormes Potenzial, welches berücksichtigt und gezielt durch eine entsprechende Raumgestaltung gefördert werden sollte. Gerade Ganztagsschulen sollten die pädagogische Bedeutung der unverplanten Zeit nicht vernachlässigen und ihren Schülern und Schülerinnen ausreichend Möglichkeit zur individuellen Gestaltung lassen.
Die Ergebnisse einer bundesweiten StEG-Studie (Höhmann, Grewe & Strietholt 2007) zeigen jedoch,...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 15 / 2019

Lernumgebungen – Räume, Rhythmen, Regeln

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13