Karsta Frank

Heterogenität als Chance nutzen

Karsta Frank

Wie ein Hamburger Gymnasium den Übergang in Klasse 5 gestaltet

August 2016, Einschulungsfeier am Gymnasium Marienthal im Osten Hamburgs: 116 Kinder aus insgesamt 27 Grundschulen drängen sich mit ihren Familien in die Turnhalle. Sie eint die Aufregung an diesem Tag des Übergangs, doch die Heterogenität unter den neuen Schülerinnen und Schülern ist groß. Einige unserer neuen Fünftklässler kommen aus den Einfamilienhaussiedlungen im grünen Umfeld der Schule, einige aus dem beschaulichen Barsbüttel in Schleswig-Holstein. Andere kommen aus den nahegelegenen Hochhäusern in Horn oder Billstedt. Die Schule befindet sich in Randlage zu zwei Schulbezirken und hat deshalb ein für Großstadtverhältnisse sehr weites Einzugsgebiet. Entsprechend unterschiedlich ist auch der Sozialindex der zuliefernden Grundschulen. Dieser variiert zwischen 5 (überwiegend bildungsnahe Elternhäuser mit hohen Bildungsabschlüssen und guter ökonomischer Situation) und 1 (überwiegend arme Familien mit niedrigen Bildungsabschlüssen). Bei den meisten Kindern ist mindestens ein Elternteil im Ausland geboren: in der Türkei, Afghanistan, Polen, China und 13 weiteren Ländern.
Etwa 70 Prozent der Schüler haben eine Empfehlung fürs Gymnasium. Für die nicht-empfohlenen Kinder lassen wir uns bei den Anmeldegesprächen besonders viel Zeit. Einige nehmen wir gern auf, u.a. weil wir aufgrund unserer eigenen Testung (mit Fokus auf der Lesekompetenz) gute Chancen für ein erfolgreiches Lernen an unserem Gymnasium sehen. In anderen Fällen müssen wir uns dem Elternwillen beugen. Denn in Hamburg sind die Eltern nach Klasse 4 frei in der Wahl der Schulform; die Grundschulen sprechen lediglich Empfehlungen aus. Die weiterführenden Schulen dürfen bei den Anmeldegesprächen zwar „umberaten (was bei uns häufig erfolgreich ist), aber sie dürfen nicht ablehnen. Erst nach Klasse 6 entscheiden die Noten über den Verbleib auf dem Gymnasium. So führt eine mangelhafte Leistung in einem der Hauptfächer Deutsch, Mathematik und Englisch zur Querversetzung nach Klasse 7 der sogenannten „Stadtteilschule. In dieser Schulform sind im Hamburger „Zwei-Säulen-Modell die früheren Gesamtschulen wie auch die Haupt- und Realschulen aufgegangen.
Einteilung der Klassen
Die erste Weichenstellung für den erfolgreichen Unterricht mit einer heterogenen Schülerschaft erfolgt bei der Zusammenstellung der Klassen und ist paradox: Erfolgversprechend im Sinne von Lernerfolg und Lernatmosphäre ist nach unserer Erfahrung nicht die Minimierung, sondern die Maximierung von Heterogenität. So achten wir darauf, dass die Herkünfte aus Grundschulen und Grundschulklassen sich im Jahrgang mischen, verteilen die nicht-empfohlenen Kinder möglichst gleichmäßig und vermeiden größere gleichgeschlechtliche Gruppen von Kindern aus demselben Herkunftsland in einer Klasse. Auch die Inklusionskinder sowie die seitens der Grundschule avisierten „Problemfälle mit sozial-emotionalen Auffälligkeiten verteilen wir auf die Klassen und nehmen dafür in Kauf, dass die Ressourcen der Sonderpädagogin (im Umfang von zur Zeit zehn Wochenarbeitsstunden) zwar für die Beratung der Fach- und Klassenlehrer, aber kaum für die Betreuung der Kinder im Unterricht selbst ausreichen. Hier müssen dann ggf. Schulbegleiter einspringen. Bei dringendem Bedarf können wir den Unterricht auch stundenweise mit einer pädagogischen Honorarkraft doppelt besetzen. Sehr bewährt hat es sich in dem Zusammenhang, dass die Klassenlehrer gut informiert in den Jahrgang 5 starten. Unsere Sozialpädagogin nimmt bei den absehbar schwierigen Fällen und bei allen Inklusionskindern bereits im Frühjahr Kontakt zu den Grundschulen auf, hospitiert im Unterricht und stellt schon vor den Sommerferien Dossiers mit allen relevanten Informationen zusammen. Daraus gewinnt die Abteilungsleitung Hinweise für die Zuordnung der Kinder zu bestimmten Klassenlehrertandems. Den Klassenlehrern wiederum gibt diese Vorbereitung Sicherheit und erhöht merklich ihre Bereitschaft und ihr Interesse, sich auf herausfordernde Kinder und insbesondere die sehr individuellen Bedarfe der Inklusionskinder einzustellen. ...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 8 / 2017

Übergänge – Mind the gap!

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 5-5