Miriam Pech, Stefan Grzesikowski

Herausforderungen wagen – Schule öffnen

Während des Herausforderungsprojekt 2015 (Alpencross) mussten alle Teilnehmenden ihre Komfortzone verlassen.
Während des Herausforderungsprojekt 2015 (Alpencross) mussten alle Teilnehmenden ihre Komfortzone verlassen. , © Heinz-Brandt-Schule, Berlin

Miriam Pech, Stefan Grzesikowski

Von einem Projekt an der Berliner Heinz-Brandt-Schule

An der Heinz-Brandt-Schule in Berlin verlassen die Schülerinnen und Schüler des 7. bis 10. Jahrgangs das Klassenzimmer und begeben sich eigenverantwortlich auf ein zweiwöchiges Abenteuer fernab der eigenen Komfortzone. Dabei gelangen sie an ihre sozialen, emotionalen und physischen Grenzen und lernen so, ein Stück weit über sich selbst hinauszuwachsen.1
Wie alles begann Alpencross 2013
Inspiriert von den Herausforderungsvorhaben der Winterhuder Reformschule in Hamburg machte sich 2013 ein Kollege der Heinz-Brandt-Schule erstmals mit 14 Jugendlichen auf den Weg über die Alpen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses Pilotprojekts warben, unterstützt von Teach-First-Fellows2, um Sponsorengelder, der Kollege seinerseits warb um Verständnis und Unterstützung im Kollegium. Die Erzählungen der stolzerfüllten Schülerinnen und Schüler von ihren Erlebnissen, das Strahlen in den Augen aller Beteiligten überzeugten auch die „Daheimgebliebenen und sorgten schließlich für eine Verstetigung und Ausweitung des Projekts.3 Inzwischen sind in jedem Jahr zwischen 100 und 120 Jugendliche unterwegs und die Herausforderung ist ein fester Bestandteil des Schulprogramms.4
Lernen am anderen Ort
Herausforderung ist das Gegenteil von Schule im klassischen Sinn und trotzdem erfüllt vom Lernen, denn es geht nicht um Fachinhalte, sondern um Persönlichkeitsentwicklung. Die Teilnehmenden lernen sich selbst und die Gruppe in Belastungssituationen von einer ganz anderen Seite kennen als im schulischen Alltag. Gemeinsam werden auftretende Probleme gelöst, um gemeinsam das Ziel des Vorhabens zu erreichen. Unterwegs werden ganz nebenbei neue Erfahrungen gesammelt, die Schule in dieser Weise nicht vermitteln kann. Im Kern geht es darum, durch das Austesten der eigenen Grenzen und die Bewältigung erfahrbarer Krisen eine prägende Lebenserfahrung hinzuzugewinnen, die bestenfalls auch zu einer gesteigerten Selbstwirksamkeitserfahrung führt.
Selbstständigkeit erlangen und eigene Ziele verfolgen
Die Schülerinnen und Schüler sind oft zum ersten Mal so lange außerhalb des häuslichen Umfelds unterwegs. Ohne Kontakt zu den Eltern sind sie gezwungen, ihre Probleme weitgehend selbst zu lösen. Sie übernehmen für sich und andere Verantwortung. Dabei erleben sie sich als autonom, handlungs-, konflikt- und entscheidungsfähig. Die begleitenden Lehrkräfte einer Herausforderung hingegen üben sich in Zurückhaltung und geben Verantwortung ab. Sofern es die Aufsichts- und Fürsorgepflicht zulässt, sind die Jugendlichen gefordert, ihr individuelles Ziel trotz aller Widrigkeiten möglichst selbstständig zu erreichen. Wir finden das Projekt Herausforderung so wichtig, dass wir uns die Teilnahme aller Schülerinnen und Schüler innerhalb ihrer Bildungsbiografie wünschen.5 Allerdings ist die Teilnahme an einer Herausforderung an der Heinz-Brandt-Schule fakultativ, da die intendierten Kompetenzzuwächse im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung unserer Meinung nach eine bewusste Entscheidung voraussetzen. Die Jugendlichen müssen ihre individuelle Herausforderung erkennen, annehmen und bewältigen wollen sowie diesen Bewältigungsprozess reflektieren, um wirklich gestärkt aus der Situation hervorgehen zu können.
Verantwortung übernehmen
Lehrpersonen zeigen mit ihrer Bereitschaft, eine Herausforderung zu begleiten, Engagement und Mut, da sie ebenfalls den Unwägbarkeiten und Strapazen des jeweiligen Vorhabens ausgesetzt sind. Wer in finnischen Wäldern ein Survivalcamp mit 20 jungen Menschen durchführt und zwei Wochen nur von dem lebt, was die Gruppe sammelt und fängt, weiß ein Lied davon zu singen (und ist danach etliche Kilos leichter). Eine Herausforderung geht auch mit einem Rollenwechsel einher, zumindest für die Zeit der Durchführung: Lehrerinnen und Lehrer geben Verantwortung ab und werden nicht mehr als Bestimmende wahrgenommen, sondern als Personen, die im...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 21 / 2020

Herausforderungen – Der ganz normale Wahnsinn

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 7-10