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Gefahr für die Lehrergesundheit

Hans Klaffl

Von Laien, Experten und Genies

Wer schon einmal im Fußballstadion war, kennt ein interessantes Phänomen, den kollektiven Sachverstand, häufig auch Schwarmintelligenz genannt. Tausende von hochqualifizierten Fußballstrategen sitzen auf den Tribünen, während die wenigen Ausnahmen, die von Fußballspiel gar nichts verstehen, auf der Trainerbank sitzen oder rat- und hilflos über das Spielfeld irren.
Pädagogik kann doch jeder
Lehrer kennen diese kuriose Situation auch aus ihrem Berufsalltag. Hier sind es die Eltern, die den unfähigen Lehrern gerne mit ihrem umfangreichen pädagogischen Sachverstand zur Seite stehen. Erfahrungsgemäß sind das hauptsächlich Menschen, die in ihrer Schulzeit offenbar Traumatisches erlebt haben und das eine oder andere Mal an schulischen Hürden gescheitert sind. („Ich hatte so unfähige Lehrer, dass ich zweimal durchgefallen bin. Nach der 9. Klasse habe ich dann meine Schulzeit erfolgreich abgebrochen. Die konnten mir einfach nichts mehr beibringen!) Das hindert sie aber nicht, nein, das qualifiziert sie nach eigener Einschätzung sogar ganz besonders, die Lehrer in fachlichen und vor allem pädagogischen Fragen zu coachen. Das ist etwa so, als würde eine Fluggesellschaft für ihre Piloten Berater engagieren, deren aeronautische Qualifikation darin besteht, dass sie als Kind einmal vom Baum gefallen sind.
Elternmund tut Kurioses kund
Für uns Lehrer finden solche Beratungen regelmäßig statt, sie werden Elternsprechtag genannt. Das ist eine absolut zutreffende Bezeichnung, möglich wäre auch Lehrerzuhörtag, aber das klingt seltsam. Das Verfahren ist überall ähnlich: Die Lehrer haben an diesem Tag Stallpflicht und werden einzeln in Klassenzimmern inhaftiert; dann kommen die Eltern und erklären ihnen, was sie bisher an intellektuellen Fähigkeiten bei den Schülern übersehen haben. Hier geht es also um die Diskrepanz zwischen gemessener und gefühlter Intelligenz. Diese Gespräche sind schwierig, vor allem in den Fällen, in denen sich der fragliche Sachverhalt im Bereich der Nano-Intelligenz bewegt.
Bei solchen Gelegenheiten werden wir Lehrer gerne auch auf die hohe soziale Kompetenz der Kinder hingewiesen, welche wir selbstverständlich bisher auch völlig falsch eingeschätzt haben. Dabei stellt sich häufig sehr schnell ein eigenartiges Phänomen heraus, nämlich dass es von jedem Kind zwei Exemplare gibt. Einerseits das freundliche, wissbegierige, an allem interessierte Kind, das die Eltern zuhause haben. Das sie aber dummerweise auch dort behalten, während sie das andere, Mr. oder Mrs. Hyde, in die Schule schicken.
Interessant ist auch das unterschiedliche Verhalten von Vätern und Müttern. Mütter neigen zur Schadensbegrenzung durch Erregen von Mitleid, da sie zu Recht vermuten, dass Lehrer eher Verständnis für die intellektuellen Schwächen ihrer Schüler aufbringen als für deren Faulheit. („Wenigsten bemüht hat er sich!) Sie klären ihn deshalb ausführlich auf über sämtliche erzieherische Bemühungen und Fehlversuche sowie über die intellektuellen Desiderate in der Familie des Gatten: „Unser Sohn ist nicht faul, der ist blöd. Aber was soll man schon erwarten bei diesem Vater.
Väter dagegen treten die Flucht nach vorne an, sie verweisen nicht nur auf ihren strengen Erziehungsstil („Wenn er seine Hausaufgabe n noch nicht gemacht hat, muss er um Mitternacht daheim sein. Basta!), sondern gerne auch auf die in der Familie tradierte Hochbegabung.
Überall verkannte Genies
Damit sind wir beim zentralen und zugleich häufigsten Thema des Elterngesprächs, denn die Zahl der Hochbegabungen hat in den letzten Jahren enorm zugenommen. Nicht nur unter Schülern, auch unter Eltern. Dass man als pädagogischer Laie, also Lehrer, diese Genies im Unterricht häufig gar nicht richtig erkennen kann, tut nichts zur Sache. Die Fachleute, also die Eltern, haben so überzeugende Argumente, dass wir Lehrer wohl oder übel dran glauben müssen.
Was die Ursachen der Hochbegabung anbelangt, so...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 9 / 2017

Eltern und Schule – Beziehungskiste

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