Raphaela Porsch

Fachfremd unterrichten

Raphaela Porsch

Ein Überblick zu Praxis und Forschung

Laut KMK soll Unterricht sachlich und fachlich korrekt vorbereitet und durchgeführt werden. Wie kann das in Fächern gelingen, die nicht Bestandteil des Studiums bzw. Vorbereitungsdienstes waren? Was versteht man unter fachfremdem Unterrichten? Welche Gründe führen dazu? Wie verbreitet ist die Situation in Deutschland? Wie ist der Forschungsstand zu fachfremd tätigen Lehrkräften? Diese Fragen soll der folgende Beitrag einführend beantworten.

Was versteht man unter fachfremd erteiltem Unterricht?
Fachfremd erteilter Unterricht bezeichnet die Situation, wenn Lehrkräfte regelmäßig ein Fach unterrichten, obwohl ihnen die formelle Qualifikation bzw. die Ausbildung für dieses Fach fehlt. In Deutschland erhalten Lehrkräfte mit dem erfolgreichen Abschluss des Vorbereitungsdienstes die Lehrbefähigung für eine Schulform (oder mehrere) und zwei oder mehr Fächer. Zudem besteht die Möglichkeit, dass sich Lehrkräfte bereits während der Ausbildung oder berufsbegleitend qualifizieren und durch Fortbildungen eine Unterrichtserlaubnis für ein Fach erwerben, welches sie nicht studiert haben. Ein Beispiel ist die didaktisch-methodische Fortbildung „Englisch in der Grundschule und im Primarbereich von Sonderschulen in Nordrhein-Westfalen.
Die formale Betrachtung der Situation berücksichtigt jedoch nicht, dass Lehrkräfte über fachliche Kompetenzen verfügen können, die es ihnen erlaubt, Fächer zu unterrichten, die nicht Teil ihrer grundständigen Ausbildung waren. Neben dem Erwerb von fachbezogenem Wissen in anderen Institutionen als der Universität oder dem Studienseminar findet informelles Lernen in der Familie oder in der Freizeit statt. Im Sinne des sog. kompetenztheoretischen Ansatzes, auf den sich vielfach empirische Studien zum Lehrerberuf in den letzten Jahren bezogen haben, besteht professionelle Kompetenz aus mehreren Facetten. Danach sind neben Professionswissen wie Fachwissen, fachdidaktischem und pädagogischem Wissen günstig ausgeprägte affektive und motivationale Merkmale bedeutsame Voraussetzungen für effektives Lehrerhandeln. Mit Blick auf die Situation des fachfremd erteilten Unterrichts kann eine regelmäßige Freizeitaktivität nicht nur eine Wissensbasis für professionelles Lehrerhandeln bieten (z.B. Erlernen eines Instruments als Voraussetzung für die Erteilung von Musikunterricht), sondern gleichzeitig die Voraussetzung schaffen, dass eine Fachidentität ausgebildet wird.
Die Ansicht ist verbreitet, dass fachfremd erteilter Unterricht ein Defizit darstellt, da nicht ausreichend Fachlehrkräfte vorhanden sind und fachfremd unterrichtende Lehrkräfte über nicht oder nicht ausreichend fachliches Wissen im Vergleich zu ihren Fachkolleginnen und -kollegen verfügen. Daneben können zwei weitere Perspektiven benannt werden. Zum einen kann die Situation für Lehrkräfte eine Lerngelegenheit darstellen. Bislang für die eigenen Fächer unbekannte Methoden werden erlernt und neues Wissen wird erworben, welches für die professionelle Tätigkeit in allen Fächern günstig ist (z.B. zur Verknüpfung von Lerninhalten bzw. Themen). Zum anderen kann fachfremdes Unterrichten als Normalfall angesehen werden, insbesondere bei denen, die als Klassenlehrerin bzw. -lehrer tätig sind, was im Folgenden näher erläutert werden soll.
Ergänzend sei an dieser Stelle auf die Situation von Lehrkräften hingewiesen, die durch Quer- oder Seiteneinstieg den Lehrerberuf ergriffen haben. Quereinsteigerinnen und -einsteiger sind i.d.R. Lehrkräfte, die nach einem Fachstudium (jedoch keinem Lehramtsstudium) den Vorbereitungsdienst absolvieren, sofern ihre Studienfächer als Schulfächer anerkannt worden sind. Seiteneinsteigerinnen und -einsteiger sind Personen, die mit einem akademischen Abschluss ohne Referendariat direkt im Schuldienst arbeiten und berufsbegleitend pädagogisch qualifiziert werden. Einige Universitäten bieten meist temporär Programme an, die fachbezogene und/oder...

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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 85 / 2019

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