Tanja Ferstl-Becher

Eintritt in eine fremde Welt

Tanja Ferstl-Becher

Bedenkenswertes zu Kindern und Jugendlichen, die ihre Heimat verlassen mussten

Nicht erst seitdem viele junge Geflüchtete in Deutschland leben, sind Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund an unseren Schulen. Der Deutsch-als-Zweitsprache-Unterricht ist schon viele Jahre etabliert und stellt keine große Neuerung mehr dar. Dennoch ergeben sich aufgrund der Vielzahl an unterschiedlichen Kindern und Jugendlichen ganz besondere Schwierigkeiten für das Anknüpfen an das Schulsystem in Deutschland und die zu meisternde Integration.
Erste Berührung mit dem System Schule
Schüler und Schülerinnen, die aus den unterschiedlichsten Ländern der Welt kommen und entsprechend viele verschiedene Sprachen sprechen, andersartige Kulturen, Schulsysteme oder auch Sozialisationen erlebten, stehen mit Betreuern, Familienangehörigen, manchmal auch befreundeten Übersetzern und Eltern im Sekretariat und bitten um Aufnahme an einer Schule. Dabei stellt bereits die Aufnahme in eine deutsche Schule für Flüchtlingskinder oder auch Zuwandererkinder einen ganz besonderen Einschnitt dar. So ist das Kind vielleicht erst seit einigen Wochen in Deutschland, aber dennoch stets in der Nähe von den Eltern und Familienangehörigen gewesen. Nun begibt es sich in eine völlig neue, fremde, andersartige Umgebung, in der es keinerlei Anhaltspunkt hat, was mit ihm geschieht, wie es kommunizieren soll oder wie es am Ende des Schulvormittages auch wieder wohlbehalten zum neuen Zuhause zurückkommen soll. Dabei kann sogar das Aufsuchen der Toilette zum Problem werden (Knaben- und Mädchenschilder an Toilettentüren ohne Bilder kann kein ausländisches Kind lesen). Einsamkeit, Orientierungslosigkeit und schlichtweg Angst, auch bei den Eltern, müssen sie ihr Kind nun doch sich selbst überlassen, sind die Gefühle, die mit einer Aufnahme an der Schule einhergehen.
Für den Fall, dass Kinder bereits eine Schule in ihrem Heimatland besucht haben es gibt nicht überall Schulpflicht , haben sie ein Bild von Schule, das dem der Schule in ihrem Heimatland entspricht. Fächer und Dauer des Unterrichts (im Irak sind teilweise nur zwei Stunden üblich; bei Regen oder Schnee bzw. schlechtem Wetter fällt Schule generell aus; 18 Wochen Ferien sind selbstverständlich) sind dort völlig anders als bei uns. Gewalt von Lehrern gegenüber Schülern, absoluter Gehorsam, Strafen und Maßregelungen gehören vor allem in Ländern wie Syrien, dem Irak oder Afghanistan zum Alltag. Während der Flucht und das heißt oftmals über Jahre hinweg haben viele Kinder und Jugendliche gar keine Schule besucht.
Für die einzuschulenden Neulinge stellt sich also die Frage: Wie soll ich nun als Schüler und Schülerin alles richtig machen, wenn ich gar nicht weiß, was von mir an der neuen, fremden Schule erwartet wird?
Fach- und Bildungssprache kommt meist zu früh
Grundsätzlich würde man vermuten, dass das Problem der noch fehlenden Sprachkenntnisse die Kinder und Jugendlichen am meisten behindert, doch normal entwickelte und durchschnittlich begabte Schülerinnen und Schüler lernen sehr schnell und kommunizieren, wenn möglich in einer Übergangsklasse, Vorbereitungsklasse oder auch integrativen Vorbereitungsklasse, in der sie sich verstanden und wohl fühlen, relativ zügig. Sie probieren im geschützten Raum aus, was sie nur kurze Zeit später beim Einkaufen am Schulkiosk oder im Kontakt zu anderen Mitschülern an Redewendungen zur einfachen Kommunikation brauchen. Gerade die Kinder sind es, die bereits nach relativ wenig Unterrichtzeit an den Schulen, den Eltern helfen, Besorgungen zu machen, als Übersetzer bei Behördengängen fungieren und so der ganzen Familie behilflich sind, den Alltag zu gestalten.
Nur wenn Schülerinnen und Schüler einem durchschnittlichen Regelklassenunterricht folgen sollen, kommt es zu größeren Schwierigkeiten, denn die dort verwendete Bildungssprache oder sogar Fachsprache entwickelt sich in der Zweitsprache nur sehr langsam (Theorien...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 8 / 2017

Übergänge – Mind the gap!

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