Helmut Lungershausen

Drive-In für ABC-Schützen?

Helmut Lungershausen

Ein visionäres Expertengespräch

Zum Hintergrund: Eine Arbeitsgruppe des Verkehrsministeriums arbeitet derzeit in Zusammenarbeit mit der KMK und dem Bundeselternverband an einer Lösung des morgendlichen Verkehrsaufkommens vor Grundschulen. Zu viele Eltern setzen ihre Sprösslinge vor der Schule mit dem Auto ab. Fahrbahnen und Parkplätze werden blockiert, laufende Motoren sorgen für Lärm- und Abgasbelastung, Hupkonzerte finden statt, Anwohner sind genervt. Dipl.-Ing. Hans-Peter Wachtmann ist als technischer Experte Mitglied der Arbeitsgruppe „Schüleranlieferung. Er gibt Auskunft zum Stand der Beratungen.

Schule leiten: Herr Wachtmann, welche Lösung zeichnet sich für das Problem in der Arbeitsgruppe ab?
Hans-Peter Wachtmann: Aus mehreren Vorschlägen kristallisiert sich heraus, dass es am effektivsten wäre, vor den Schulen eine Anfahrspur anzulegen, die ausschließlich zum Absetzen der Kinder direkt vor der Schule dient.
Schule leiten: Können wir uns das in etwa so vorstellen wie ein Drive-In bei Fastfood-Filialen?
Hans-Peter Wachtmann: Genau! Die Fahrspur führt direkt zu einem gesonderten Eingang der Schule. Die Kinder steigen dann vom Auto in die Schule um.
Schule leiten: Großartig, der Transfer aus den Mütterhänden in die Aufsicht der Schule ist unmittelbar gewährleistet. Gibt es Probleme bei der Umsetzung?
Hans-Peter Wachtmann: Ja, natürlich! Es kommen ja verschiedene Fahrzeugtypen zum Einsatz: vom Kleinwagen bis zum Sport-Coupé oder in letzter Zeit verstärkt zum SUV. Dabei ergeben sich Unterschiede in der Ausstiegshöhe von bis zu 56 cm. Das bringt ein Sturz- und Verletzungsrisiko mit sich. Deshalb entwickeln wir eine Lösung in Form einer Hubrampe, die sich automatisch auf die Ausstiegshöhe des jeweiligen Fahrzeugs einstellt.
Schule leiten: Was verhindert eine schnelle Umsetzung dieser Lösung?
Hans-Peter Wachtmann: Wir führen noch Testreihen zur durchschnittlichen Absetzdauer pro Kind und Fahrzeug durch. Technisch wäre das in 10 Sekunden lösbar. Aber in der Praxis funktioniert das nicht.
Schule leiten: Was ist der Grund?
Hans-Peter Wachtmann: Die Helikopter-Mütter können sich in dieser Zeitspanne nicht von ihrem Kind lösen. Wir haben Verabschiedungsszenarien zwischen 68 und 164 Sekunden ermittelt. Der Schnitt liegt bei 122,3 Sekunden. Bei dieser Frist würde die Anlieferung von 22 Kindern 44,84 Minuten dauern.
Schule leiten: Lassen sich diese Zeiten nicht verringern?
Hans-Peter Wachtmann: Die Psychologen in der Gruppe haben versichert, dass eine Umkonditionierung der Mütter nahezu unmöglich ist. Es ginge natürlich schneller, wenn zum Beispiel der Hausmeister die Wagentür öffnen und das Kind entnehmen würde. Aber gegen solche Vorschläge hat sich schon der Vertreter von Ver.di verwahrt.
Schule leiten: Was ist die Konsequenz?
Hans-Peter Wachtmann: Bei einer mittelgroßen Grundschule müssten 4 bis 5 Anfahrspuren mit Übergabepunkt angelegt werden, damit die gesamte Anlieferung innerhalb von 30 Minuten erfolgen kann.
Schule leiten: Dabei würden aber doch Kosten in beträchtlicher Höhe entstehen. Sind diese vertretbar?
Hans-Peter Wachtmann: Wir müssen dabei natürlich die positiven Effekte gegenrechnen. Es wird eine Menge Treibstoff gespart, es gibt weniger Unfälle, die Beschwerden nehmen ab, die Bauwirtschaft floriert und kann neue Arbeitskräfte einstellen, dadurch entsteht ein Konjunkturschub mit erhöhten Steuereinnahmen, die wiederum für diese Investitionen eingesetzt werden können. Bei einer bundesweiten Umsetzung an allen Grundschulen rechnet das Wirtschaftsministerium mit einer induzierten Erhöhung des Bruttosozialprodukts um 0,8 Prozent.
Schule leiten: Das reicht, Herr Wachtmann, vielen Dank!
Das Interview führte der Mitherausgeber dieser Zeitschrift, Dr. Helmut Lungershausen.

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 9 / 2017

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