Matthias Bartscher, Klaus Hurrelmann

Bildungsort Familie

Familien verschaffen Kindern unterschiedliche Erfahrungen und sind damit ein Bildungsort.
Familien verschaffen Kindern unterschiedliche Erfahrungen und sind damit ein Bildungsort., © mashiki /photocase.de

Matthias Bartscher, Klaus Hurrelmann

Das Potenzial von Eltern erkennen und stärken

Die Untersuchung zu Beiträgen von Familien zu gelingender Entwicklung fokussiert die Argumentation auf die programmatische Aussage, dass Familien eigenständige Bildungsorte sind. Die Analyse zeigt, dass die familiären Bildungsleistungen aus vielen Gründen brüchig geworden sind; gleichzeitig sind Schulen in ihrer aktuellen Verfassung auf Kooperationsleistungen der Eltern angewiesen, um gute Bildungsergebnisse erbringen zu können. Insgesamt zeigt sich, dass eine frühzeitige und nachhaltige Prävention für Familien die Fundamente schulischer Bildung sichern kann.

Erziehung gilt als Elternangelegenheit, Bildung als Sache der Schulen. Diese Trennung hat das deutsche Bildungssystem lange geprägt und hält sich bis heute in vielen Köpfen, auch wenn z.B. das NRW-Schulgesetz in § 2 explizit sagt: „Schule und Eltern wirken bei der Verwirklichung der Bildungs- und Erziehungsziele partnerschaftlich zusammen. Für die Persönlichkeitsentwicklung ihrer Kinder fühlen sich die Mütter und Väter verantwortlich, gehen aber davon aus, dass die Wissensvermittlung und die Förderung der Leistungsentwicklung der Kinder ausschließliche Aufgabe der Schulen sei. Auf der Seite der Berufspädagogen sehen die meisten das ebenso.
Systematischer Blick auf das Verhältnis von Bildung und Familie
Wenn Eltern ihre Kinder liebevoll versorgen, sich um sie kümmern, eine gute Tagesstruktur schaffen, mit ihnen sprechen, spielen und kuscheln, legen sie bereits die Basis für die Bildungs- und Leistungsentwicklung. Durch all das, was Eltern tun, entstehen Bindung und Beziehungsfähigkeit, Selbst-, Sozial- und Sprachkompetenz, entfalten sich die genetischen Potenziale der Intelligenz. Dies sind nicht nur Vorleistungen für, sondern das ist Bildung. Ohne sie fehlen Kindern Grundlagen für die Teilhabe an formalen Bildungsprozessen in Bildungseinrichtungen. All das, was Eltern für und mit ihren Kindern tun, wie sie ihre Beziehungen gestalten, bildet untrennbar miteinander verwobene Anteile elterlicher Rollen und elterlichen Handelns. Mütter und Väter sind die Betreuer ihrer Kinder, die Erzieher ihrer Persönlichkeit und sie sind auch „Bildner. Damit legen sie das Fundament für die schulische Performance ihrer Kinder.
Sozialökologisches Modell: Familie im Zentrum von Bildung
Dass Familie ein Bildungsort ist, zeigt anschaulich das sozialökologische Modell von Uri Bronfenbrenner (Bronfenbrenner 1989, Epp 2018; s. Abb. 1). Als einer der Vorläufer systemischen Denkens verstand er die kindliche Entwicklung vorrangig als Ergebnis von Interaktionen mit und zwischen verschiedenen Umwelten eines Kindes. Diese unterschiedlichen Umwelten des Kindes mit dem Mikrosystem der Familie als Zentrum von Bildung stellen sowohl eine zeitliche als auch räumliche Dimension dar. So lassen sie sich visualisieren:
  • Bildung ist ein Prozess, der in der Familie beginnt und dort nicht abgeschlossen ist, wenn das Kind in Bildungseinrichtungen geht. Vielmehr tritt beim ersten Tag in der Kita bzw. Schule der formale Bildungsort neben den der Familie.
  • Übergänge finden nicht nur einmalig beim Systemwechsel zwischen Bildungsabschnitten statt, sondern täglich. Der ständige Übergang zwischen schulischen und familiären Lebenswelten ist viel entscheidender.
  • Wenn diese Lebenswelten zu widersprüchlich sind, können Kinder nicht gut lernen. Aus den Dissonanzen zwischen diesen Lebenswelten lassen sich die allermeisten Störungen im Bildungsprozess erklären. Eine „Synchronisierung soll keine „Gleichschaltung erzeugen, sondern zu Akzeptanz von Unterschiedlichkeit, Klarheit und Transparenz, Verbindlichkeit in den Absprachen und zu einem auch in Konflikten belastbaren Vertrauen führen.
Entscheidend für ge- oder misslingende Entwicklungen sind also nicht allein die Prozesse in den einzelnen Systemen, sondern ebenso die Wechselwirkungen zwischen den Systemen.
Der Einfluss wohlfahrtsstaatlicher...

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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 92 / 2020

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