Frauke Peters

Wie man verhindert, in ein tiefes Loch zu fallen

Illustration: Ulrich Deppe unter Verwendung von © iStock.com / clu

Frauke Peters

Ruhestand als Krise, die es zu meistern gilt

Es traf ihn unvorbereitet: Herr B. war Schulleiter einer Realschule und wie er gern augenzwinkernd sagte verheiratet mit zwei Frauen: seiner Ehefrau und seiner ständigen Begleiterin, der Schule. Er war gut vernetzt in seiner Heimatgemeinde und konnte viel für „seine Schule, das Kollegium und die Schülerschaft bewegen. Er initiierte eine umfassende Schulrenovierung, den Aufbau der Ganztagsbetreuung sowie die weitreichende Ausstattung mit Laptops, um die Schülerinnen und Schüler fit zu machen für die Zukunft. Zahlreiche Termine und Abendveranstaltungen nahm Herr B. in seiner Rolle als Schulleiter wahr und er war ein gern gesehener, manchmal auch unbequemer Gast auf politischen Veranstaltungen, wo er sich hartnäckig für Angelegenheiten der Schule einsetzte.
Stillstand statt Ruhestand
Nach 19 Jahren Schulleitertätigkeit musste er sich von seiner ständigen Begleiterin aus Altersgründen trennen. Zunächst graute ihm vor der offiziellen Verabschiedung und er wollte sie eigentlich absagen. Aufgrund seiner zahlreichen Kontakte wäre das aber ein zu großer Affront gewesen. Während seiner Abschiedsrede musste er viel innere Kraft aufwenden, um die Emotionen, die ihm den Abschied schwermachten, in Schach zu halten
In der anfänglichen Zeit des Ruhestands seine Frau war noch berufstätig genoss er die ausgiebige Zeitungslektüre und die entspannte Zeit. Aufgeschobene Tätigkeiten, wie z.B. das Ordnen der digitalen Fotos, brachte er nicht zustande. Am Ende eines jeden Tages hatte er das Gefühl, „nichts geschafft zu haben. Während einer Wanderung erlitt er einen Herzinfarkt, es traf ihn buchstäblich aus heiterem Himmel. Er überlebte, weil schnell Hilfe zur Stelle war. Erst in der Zeit der Rehabilitation setzte er sich mit seinem neuen Lebensabschnitt auseinander und bemerkte, dass er diese Phase einfach so auf sich hatte zukommen lassen, statt sie vorzubereiten und zu gestalten. Nun begann er, sich intensiv mit der neuen Lebensphase zu beschäftigen und entdeckte seine handwerklichen Fähigkeiten neu. Ein Repair-Café in seines Heimatortes bietet ihm inzwischen Raum zur Gestaltung und zu geselligem Miteinander, auch in der Unterstützung junger Menschen im Übergang zur Ausbildungsphase macht er sich nützlich. Er strukturiert seine Tage und hat wieder das Gefühl, Herr seiner Zeit zu sein, die er bewusst erlebt.
Eine ehemalige Schulleiterin beschreibt ihren Ruhestand so: „Ich treibe in einem Meer von Zeit und die Termine, die ich mir setze, etwa Besuche von Ausstellungen oder Treffen mit Freundinnen, sind wie Inseln in diesem Meer, auf denen ich dann festen Boden unter den Füßen spüre.
Nicht blind in ein Loch tappen
Menschen, die in ihrer Aufgabe aufgehen, wozu Schulleiterinnen und Schulleiter zweifellos gehören, verdrängen mitunter den nahenden Ruhestand oder nehmen sich angesichts ihres Arbeitspensums schlichtweg keine Zeit dazu. Bereits 1976 beschrieb der amerikanische Gerontologe und Soziologe Robert C. Atchley sieben Phasen des Ruhestands, deren Bedeutung nach wie vor gilt. Lea Riedl beschäftigt sich in ihrer 2012 erschienenen Masterarbeit mit der Berufsausstiegsphase, bezieht sich unter anderem auf Atchley (s. Abb.) und gibt ihrer Arbeit den Titel „Ruhestand als Krise.
Der Ruhestand als Krise? Das verwundert, denn diese Phase ist ja eine Zeit, auf die man hinarbeitet und hinlebt. Doch sie kann tatsächlich als Krise erlebt werden, wenn man sich nicht auf diese Zeit vorbereitet. Als Schulleiterin und Schulleiter ist man Chefin und Chef, hat eine bedeutende Rolle innerhalb und außerhalb der Schule. Das eigene Wort hat Gewicht und wird gehört. Von einem Tag auf den anderen ist dies nicht mehr so, es droht ein Absturz in die Bedeutungslosigkeit.
Phasen des Ruhestands kennen und gestalten
Gerne schauen Menschen, deren Ruhestand naht, in der entfernten Phase (s. Abb. ) auf die Versorgungsauskunft und auf die kommenden finanziellen...

Friedrich+ Schulleitung

Sie sind bereits Abonnent?

Jetzt anmelden und sofort lesen

Jetzt ganz einfach mit F+ weiterlesen

  • 30 Tage kostenloser Vollzugriff
  • 5 Downloads gratis enthalten

30 Tage kostenlos testen

Mehr Informationen zu Friedrich+ Schulleitung

Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 21 / 2020

Herausforderungen – Der ganz normale Wahnsinn