Volker Krobisch

Was heißt systemisches Führen für Schulleitungen?

Volker Krobisch

Neues Rollenverständnis mit Folgen

Systemisches Führen an Schulen bedeutet eine Neudefinition der Führungsrolle, weder Übervater/-mutter noch „primus inter pares (Erster unter Gleichen). Bescheidener und zugleich komplexer ist das Rollenverständnis in einer systemischen Führung.
➜ Die Führungskraft (Schulleiter oder Schulleiterin) versteht sich dabei als nur einer der vielen Kontextfaktoren, die auf die Geführten wirken.
Agieren im komplexen System
Schulleitung bewegt sich oftmals auf moderierender Ebene zwischen einflussreichen Interessengruppen und Institutionen. Hier sind nicht nur die zentralen „Stakeholder, d.h. Schüler-, Lehrer- und Elternschaft zu nennen. Bildungsministerien, Schulaufsichtsbehörden und kommunale Schulträger kommen hinzu. Zusätzlich geht Schulleitung in der eigenverantwortlichen Schule regelmäßig mit berufsständischen Interessen der Lehrerschaft um, wie sie von Personalräten, Lehrerräten, Schwerbehinderten- und Gleichstellungsbeauftragten vertreten werden. Im Zeichen der Öffnung von Schule kommen externe Kooperationspartner wie Fördervereine, Unternehmen oder Kultureinrichtungen hinzu. Das von all diesen Tönen komponierte Konzert der Interessen macht die Aufgabe des Dirigenten ungemein schwer. Die Vorstellung, er oder sie habe „alles im Griff und „wisse immer über alles Bescheid, darf man einer verzerrten Selbst- oder Fremdwahrnehmung zuschreiben. Mit Führungspraxis hat das wenig zu tun.
➜ Organisationen werden als Systeme betrachtet, die nie vollständig „von oben durchorganisiert sein können.
Systeme, die nicht durchorganisierbar sind
Hier sind die im schulischen Umfeld wenig rezipierten Forschungen des kanadischen Betriebswirtschaftlers Henry Mintzberg von erheblicher Bedeutung. In seiner Organisationstypologie werden größere Schulen ebenso wie Hochschulen, Krankenhäuser, Unternehmensberatungen usw. als Profi-Bürokratien oder auch als Expertokratien verstanden. Der betriebliche Kern in der Expertokratie besteht aus hochqualifizierten, zumeist akademisch gebildeten Mitarbeitern und verfügt über den größten Machtanteil („power). Diese erwerben ihre Fähigkeiten („skills) in Ausbildungen, die ein hohes Maß an Standardisierung einfordern. Mitarbeiter in Profiorganisationen arbeiten mit relativ großer Freiheit, teilautonom, aber im engen Kontakt mit ihren Klienten und im Austausch mit Kollegen (vgl. Mintzberg 1993, bes. S. 189 – 213).
Die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Expertenorganisationen sind hinsichtlich ihrer Kategorien verblüffend. Seien es Ärztinnen in Krankenhäusern, Lehrer oder Staatsanwältinnen: Koordination von Arbeitsprozessen findet wesentlich über stark standardisierte Ausbildungsformate und regulierte Verfahren statt: im Schulwesen über Curricula für die Lehramtsausbildung, landesweite und schulintern angepasste Lehrpläne, zentrale Prüfungen sowie durch Gesetze, Verordnungen, Erlasse, die den Handlungsspielraum im Unterricht beschreiben.
Nach dem Examen setzt die Teilautonomie ein. Nach bestandener Lehramtsprüfung gehören Unterrichtsbesuche zu den Ausnahmen oder sie sind Teil von Beförderungsverfahren. Allenfalls kollegiale Hospitationen gewinnen ihren Platz bei einer Minderheit. Der Austausch in Peergroups, eine wichtige Quelle der Unterrichtskritik, kann die weitere Entwicklung und Internalisierung standardisierter Unterrichtsverfahren zwar fördern, bleibt aber in der Regel eine Randerscheinung, weil sie nicht entgolten wird und freiwilligen Charakter hat.
Teilautonomie ist ein berechtigtes Interesse des professionellen Kerns, weil die Komplexität der Handlungssituationen und Entscheidungen eine weitergehende, „industrielle Steuerung der Arbeitsprozesse unmöglich erscheinen lässt.
Erzieherische und didaktische Fragen müssen mit Blick auf Individuen und Lerngruppen und in Kenntnis schulischer Entwicklungen getroffen werden. Die Selbstverantwortung der Lehrkräfte ist daher ein festgeschriebener Rechtsgrundsatz an...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 14 / 2018

Mit KnowHow und Fingerspitzengefühl – Führung

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13