Helmut Lungershausen

Selbstinszenierung und Identitätssuche

Helmut Lungershausen

Anmerkungen zur Beschäftigung mit dem Selbst

In dem soziologischen Bestseller aus dem Jahr 1959 „Wir spielen alle Theater hatte der amerikanische Autor Erving Goffman festgestellt, dass die Menschen ständig bemüht sind, ein öffentliches Bild von sich selbst zu formen, das der eigenen Vorstellung vom Selbst möglichst nahekommt. Es geht also um die persönliche Selbstdarstellung, die das Fremdbild so beeinflussen soll, dass es mit dem Selbstbild möglichst zur Deckung kommt.
Sechzig Jahre später hat dieser Hang zur Selbstdarstellung durch die Social Media eine weitere Dynamik entwickelt. Heute spricht man von „Selbstinszenierung und „Personal Branding, wenn es um die gezielte Einflussnahme auf die Fremdwahrnehmung der eigenen Person geht. Ein Beispiel dafür sind die persönlichen Profile, die bei Facebook, Xing, LinkedIn und anderen Plattformen zunehmend auch von Schulleitungsmitgliedern eingestellt werden.
Der Eigen-Ausdruck der Individualität, aber auch das Vorzugsrecht zur Selbstverwirklichung sind in den letzten Jahren zu einem Lifestyle-Imperativ geworden. Eine Flut von Influencern, Stars, Gurus, Coaches und die entsprechende Beraterliteratur helfen dabei, die Selbstbilder, die auf einem Dauerprüfstand im privaten und öffentlichen Kontext stehen, zu analysieren und zu optimieren (vgl. Klose 2015, S. 170). Wie oberflächlich und relativ wirkungslos diese kommerziellen Angebote verpuffen, hat Marianne Power in einem Selbstversuch getestet und mit Humor beschrieben.
Auf dem Schulleiterkongress 2020 sollen auftreten: ein ehemaliger Mister Universum, ein Modezar und Pelzpapst, ein Ex-Geheimagent und auch der Fußballfunktionär Reiner Calmund. Sie alle haben mit Schulleitung wohl kaum etwas zu tun, aber sie sollen vermutlich eine Message transportieren, wie Schulleitungen sich profilieren sollen oder anders darstellen können. Dabei stellt sich die Frage, wie solche Fremdkomponenten mit der persönlichen Authentizität in Einklang zu bringen sind.
Die Beschäftigung mit dem Selbst hat zwei Seiten, weil auch sie der Dialektik des menschlichen Denkens und Handelns unterworfen ist. Die eine Seite der Medaille ist die demonstrative auf den schönen Schein gerichtet, um die Selbstdarstellung nach außen zu optimieren und sich selbst damit ein wenig zu narkotisieren. Die andere Seite ist die investigative, sie ausgerichet auf die Erforschung des inneren Seins. Ziel dieser Erforschung ist es, sich selbst zu verstehen und besser mit seinem Selbst umgehen zu können.
Was verstehen andere unter Selbstkompetenz?
Was verstehen andere unter Selbstkompetenz?
„Selbstkompetenz bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, selbständig und verantwortlich zu handeln, eigenes und das Handeln anderer zu reflektieren und die eigene Handlungsfähigkeit weiterzuentwickeln.
Deutscher Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen 02/2009, Hrsg. Bundesministerium für Bildung und Forschung/Kultusministerkonferenz.
„Wenn die Rede davon ist, dass Selbstkompetenz erworben wird, so bezeichnet dies allgemein Lern- und Entwicklungsprozesse eines Subjektes über sich und im Umgang mit sich selbst.
Haak, Adrian: Dramapädagogik, Selbstkompetenz und Professionalisierung, Springer Heidelberg 2018, S. 11.
„Selbstkompetenz: Bereitschaft und Fähigkeit, als individuelle Persönlichkeit die Entwicklungschancen, Anforderungen und Einschränkungen in Familie, Beruf und öffentlichem Leben zu klären, zu durchdenken und zu beurteilen, eigene Begabungen zu entfalten sowie Lebenspläne zu fassen und fortzuentwickeln. Sie umfasst Eigenschaften wie Selbstständigkeit, Kritikfähigkeit, Selbstvertrauen, Zuverlässigkeit, Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein. Zu ihr gehören insbesondere auch die Entwicklung durchdachter Wertvorstellungen und die selbstbestimmte Bindung an Werte.
KMK Handreichungen für die Erarbeitung von Rahmenlehrplänen 2011, S. 14.
Selbstinszenierung
Die entwickelten Konsumgesellschaften unserer Zeit bieten...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 20 / 2020

Selbstkompetenz – Innere Stärken entfalten

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13