Helmut Lungershausen

Misslingen durchschauen

Helmut Lungershausen

Von den Tücken der Komplexität

Amtsantritt mit Elan
Wilbert W. war sieben Jahre am Studienseminar tätig und hat mit großem Erfolg Referendare im Fach Deutsch ausgebildet. Als in seiner Stadt die Schulleiterstelle einer Sekundarschule ausgeschrieben wird, sieht er eine Chance für sein berufliches Fortkommen. Er bewirbt sich auf die Stelle und wird aufgrund seiner sehr guten Noten ausgewählt. Erst 14 Tage vor Beginn des neuen Schuljahrs erhält er die endgültige Zusage zum Antritt der Stelle.
So kann W. sich erst im neuen Schuljahr ein Bild der Schule machen. Schnell stellt er fest, dass vieles, was im Schulprogramm steht und auf der Homepage gezeigt wird, nur Fassade ist. Im Gespräch mit seiner Stellvertreterin (58 Jahre alt) wird deutlich, dass der alte Schulleiter es gemächlich angehen ließ. Er hat dies damit begründet, dass er seinem Nachfolger Raum für die eigene Gestaltung lassen wolle. Die Stellvertreterin weist W. darauf hin, dass ein großer Teil des Kollegiums schon relativ alt sei und sich an den gemächlichen Trott gewöhnt habe.
W. stellt mit seinem fachkundigen Blick auf Unterricht schnell fest, dass es in diesem Bereich gewaltig hapert. Im Gespräch mit einer Gruppe jüngerer Lehrkräfte wird ihm signalisiert, dass viele der älteren Kollegiumsmitglieder einen erheblichen Nachholbedarf in Methodik und Didaktik hätten. Einige Eltern hätten sich auch schon kritisch zum Unterricht von Kollegen und Kolleginnen geäußert. Für W. steht schnell fest: Unterrichtsentwicklung muss her, um die Qualität der Schule zu verbessern.
W. organisiert für das zweite Schulhalbjahr ein Maßnahmenpaket zur Unterrichtsentwicklung: Ein Methodentraining mit Referenten von außen, eine Überarbeitung der fachspezifischen Curricula durch die jeweiligen Fachobleute und ein Programm zur wechselseitigen Hospitation. Die Stellvertreterin versucht vorsichtig, sein Tempo zu drosseln, aber er entgegnet, dass die Schule schon zu lange im Dornröschenschlaf gelegen habe. Außerdem sei er von der Güte und Wirksamkeit der geplanten Maßnahmen aus seiner Seminarerfahrung heraus überzeugt.
Bruchlandung
Ungefähr 20 Prozent des Kollegiums begrüßt die Maßnahmen, der Rest hüllt sich in Schweigen. Schon bald stellt sich heraus, dass die meisten Fachobleute gar nicht daran denken, die geplanten Maßnahmen vorzubereiten. Das Programm zur wechselseitigen Hospitation wird durch Verweigerung unterlaufen, es werden immer neue Gründe angeführt, weshalb die Organisation nicht klappt. Als die Stellvertreterin ihm vorschlägt, das Programm abzusagen oder zumindest zu verschieben, fühlt sich W. völlig allein gelassen und wirft ihr mangelnde Loyalität vor.
Zur Eskalation kommt es, als die Referenten zur Unterrichtsentwicklung ihr Programm vorstellen. Einige Mitglieder des Kollegiums artikulieren laut, dass sie keinen Bedarf geäußert und auch kein Interesse hätten. Sie würden schon selbst am besten wissen, was gut für die Schule sei. Ein paar junge Lehrkräfte halten dagegen und werfen den älteren vor, dass sie verknöchert und reformfeindlich seien. Nach diesem Vorfall ist das Kollegium auch nach außen sichtbar gespalten, und es herrscht eine Atmosphäre des Misstrauens und der wechselseitigen Vorwürfe.
Diesen Schlamassel bekommen auch die Schüler, Schülerinnen und deren Eltern mit. Gegen Ende des Schuljahres fragt die Elternvertretung an, warum die Lehrkräfte in den Klassen eher gegeneinander arbeiteten, als an einem Strang zu ziehen. Zwei engagierte junge Kolleginnen erklären W., dass sie sich versetzen lassen wollen. Es täte ihnen leid, aber die gespannte Atmosphäre an der Schule hielten sie nicht aus. W. muss sich eingestehen, dass er seine für das erste Schuljahr gesetzten Ziele nicht erreicht hat. Das Kollegium hat seine Pläne vereitelt. Er hatte beste Absichten und steht jetzt vor einem Scherbenhaufen. Er fragt sich, was denn nur falsch gelaufen sei.
Viele Schulleiterinnen und Schulleiter werden Elemente dieser leicht...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 14 / 2018

Mit KnowHow und Fingerspitzengefühl – Führung

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13