Burkhard Will

Führen in zwei Welten

Burkhard Will

Gespräch mit einem Schulleiter, der auch Oberst der Reserve ist

Schule leiten: Du hast als Oberst d.R. in der Bundeswehr gearbeitet und bist Förderschulrektor. Das sind Führungspositionen in, wie es mir scheint, zwei sehr unterschiedlichen Systemen. Wo siehst du die größten Unterschiede?
Klaus Hülsmann: In der Bundeswehr wird nach dem Prinzip Befehl und Gehorsam gearbeitet. Als Vorgesetzter gibst du Befehle und diese werden ohne Diskussion umgesetzt. Beschwerde kann man ggfs. einen Tag später einlegen. In der Schule hingegen gibt es das Weisungsrecht, wobei das Diskussionsrecht der Kollegen quasi inbegriffen ist. Lehrer und Lehrerinnen hinterfragen bekanntermaßen gern vieles. Wenn ich in der Schule eine Weisung erteile, formuliere ich sie in der Regel als Bitte. Eine Schule kann ich nur über die emotionale Ebene führen. Das Ziel ist in beiden Fällen aber gleich.
Ich will das an einem Beispiel verdeutlichen. Wenn bei der Bundeswehr Lehrpläne geschrieben werden sollen, gibt es dazu einen Befehl von oben. Dieser wird dann heruntergebrochen und in kurzer Zeit ist der Plan entsprechend den Vorgaben fertig. Wenn ein Fehler oder Unstimmigkeiten auftauchen, wird eine Meldung gemacht und der Plan kurzfristig verändert. Werden neue Lehrpläne in der Schule geschrieben, dauert es oft Jahre und es wird viel diskutiert und heruumgemäkelt. In der Bundeswehr läuft dieser Vorgang wesentlich zielgesteuerter und effektiver ab. Es gibt auch keine Ausreden, warum eine Arbeit nicht zu schaffen ist. Das treibt bei Pädagogen ja manchmal seltsame Blüten.
Woran liegt es, dass in der Bundeswehr ohne Diskussion Aufträge sofort umgesetzt werden? Sind das die unterschiedlichen Hierarchien oder die möglicherweise unterschiedlichen Sanktionsmöglichkeiten?
Ich glaube, so einfach ist das nicht zu erklären. Wenn in der Bundeswehr ein Gedanke geboren ist, dann werden Zielvorgaben erarbeitet. Fachleute setzen diese dann um und brechen den Auftrag von oben nach unten runter. Beim Vorgehen ist alles ganz klar strukturiert.
In der Schule nehmen sehr oft politische Strömungen Einfluss auf eine Entwicklung. Zudem ist Schulpolitik Ländersache. Das sieht man z.B. bei der Diskussion um die Abschaffung der Förderschule Lernen im Rahmen der Inklusion. Da wird einerseits wenig differenziert geschaut, was den Schülern in der Phase der Umsetzung guttut, und andererseits werden die notwendigen Ressourcen Personal, Geld und Zeit zu wenig berücksichtigt. Da fehlt mir in der Schullandschaft die sachliche Herangehensweise.
Das heißt, die Ideen kommen in der Bundeswehr eher von oben, in der Schule kommen zwar viele Vorgaben von oben, aber auch Ideen von unten. Gibt es Ähnliches auch bei der Bundeswehr?
Das gibt es natürlich auch. Jeder kann Verbesserungsvorschläge machen. Diese Vorschläge werden dann nach oben gegeben und, wenn sie sinnvoll sind, umgesetzt. Gute Vorschläge werden teils mit Geld honoriert. Das ist ein zusätzlicher Anreiz, sich Gedanken zu machen.
Bei den Lehrplänen in der Bundeswehr gelingt die Umsetzung relativ sicher, weil sie dem personellen Anforderungsprofil in der Bunderwehr entsprechen müssen. Bei den Lehrplänen in der Schule weiß man oft nicht, ob man den Schülern alles Notwendige für die unterschiedlichsten zukünftigen Berufe hat vermitteln können. Man hört ja immer wieder Klagen von den Ausbildungsbetrieben, dass die Schüler den unterschiedlichen Anforderungen nicht entsprechen, z.B. Einschränkungen im Lesen und Schreiben sowie in den Grundrechenarten.
Wir evaluieren ja auch wenig, ob die Schüler und Schülerinnen mit ihrem Wissen später klarkommen.
Das ist natürlich in der Technischen Schule ganz anders. Es wird zielorientiert auf ein ganz bestimmtes Niveau hin ausgebildet. Es wird sichergestellt, dass jeder, der die Schule z.B. als Triebwerksmechaniker verlässt, ein Triebwerk auseinandernehmen und wieder zusammenbauen kann. Jeder Fallschirmpacker kann später einen Fallschirm so packen, dass er...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 14 / 2018

Mit KnowHow und Fingerspitzengefühl – Führung

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13