Helmut Lungershausen

Ersehnt oder gefürchtet?

Helmut Lungershausen

Von der Leitungsfunktion in die Pension

In einem Seminar für neu ernannte Schulleitungen meldet sich die Rektorin einer dörflichen Grundschule zu Wort. Sie berichtet über ihren Vorgänger, mit dem sie Probleme habe. Der Pensionär käme öfter in die Schule und setze sich auf ihren Platz, wenn sie gerade im Unterricht sei. Sie finde das nicht richtig und das Kollegium mache sich über den Alten lustig. Der einhellige Rat aus dem Seminar: Der Fall sei nicht ihr Problem, sondern das des Pensionärs. Auch wenn es unmenschlich klinge, sei hier ein „harter Schnitt angebracht. Dem netten Pensionär müsse deutlich gemacht werden, dass er in seiner ehemaligen Schule keinen Platz mehr habe erst recht nicht den der Rektorin.
„So langsam spürte ich, was mir vorher nur kognitiv klar war: Von geschätzt 80 120 Kontakten pro Tag geht es runter auf unter 10 Kontakte pro Tag!
Der Fall macht auf drastische Art deutlich, dass der Übergang von der Leitungsposition in den Ruhestand Probleme mit sich bringt. Von einem Tag auf den anderen: keine geregelte Arbeitszeit mehr, Verlust an Einflussnahme, Wegfall von beruflicher Be- und Auslastung, drastischer Rückgang an Kontakten und gesellschaftlicher Bedeutungsverlust. Wie soll man mit diesen Veränderungen umgehen? Dazu habe ich ehemalige Schulleiterinnnen und Schulleiter befragt. Es sind nicht so viele, dass sich statistisch haltbare Ableitungen ergäben. Aber grundlegende Probleme und bestimmte Lösungsstrategien sind erkennbar.
Ähnliche Pläne
Zunächst ist auffällig, dass sich alle, die kurz vor der Pension stehen, Gedanken über die Zeit nach dem Dienstende machen. In der beruflichen Endphase wird man aus dem Kollegium auf die Zeit danach angesprochen. „Was machst du denn dann? Was für Hobbys hast du? Dann kannst du ja jetzt endlich zu allen Zeiten verreisen. Willst du auch eine Weltreise machen?
Die Vorhaben sind bei vielen zahlreich und ähnlich: sich mehr um die Familie kümmern, Hobbys pflegen und reisen, wieder mehr lesen und sich ehrenamtlich engagieren. Einzelne Punkte werden konkret genannt, etwa Senior-Experte zu werden, sich für Flüchtlinge zu engagieren, den lange vernachlässigten Garten pflegen oder mehr Zeit mit den Enkeln zu verbringen.
„Ich will wieder mehr Sport treiben, musizieren, endlich in Ruhe Bücher lesen, nach einer kurzen Zeit der Besinnung würde ich mich gern sozial engagieren.
Fast immer nennen mir die Befragten eine ganze Menge von Vorhaben, weil der Wegfall der Arbeitszeit riesige Spielräume zu eröffnen scheint. Doch wie sieht es mit der Verwirklichung der Vorhaben aus?
Umstellungsprobleme
Bereits Pensionierte berichten, dass das Gefühl der frei verfügbaren Zeit in der Pension subjektiv gar nicht als so groß wahrgenommen wird. „Ich wundere mich, was ich früher alles noch neben der Arbeit erledigen konnte. Vieles scheint nach der Pensionierung zeitraubender und mühevoller zu werden. Arbeiten gehen doch nicht so schnell von der Hand wie erwartet.
Ein befragter Pensionär erklärt das mit dem „Überschwingverhalten (ein Begriff aus der Regelungstechnik, der als Sinuskurve mit hoher Amplitude graphisch dargestellt werden kann). Nach der Phase von Hochbetriebsamkeit kann man nicht auf ein „normales Maß zurückschalten, sondern es ergibt sich erst einmal eine Phase der Passivität.
„Mein Wille und meine Kräfte schwanden in einem mir unangenehmen Maße.
Auch der Körper fordert in dieser Phase sein Recht. Ein hochaktiver Schulleiter erlitt gut einen Monat nach seiner Pensionierung einen schweren Bandscheibenvorfall, in dessen Folge er seine Vorhaben zunächst nur sehr eingeschränkt umsetzen konnte. Und ein anderer stellt fest: „Ich war nach der Pensionierung so oft beim Orthopäden wie niemals vorher.
Die Tiefphase des Überschwingverhaltens zeigt sich an dem Resümee eines Betroffenen nach zehn Monaten Ruhestand:
Keines der größeren Projekt realisiert. Selbst das Lesen hat noch nicht so gut...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 8 / 2017

Übergänge – Mind the gap!

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