Bereit sein, aus Fehlern zu lernen

Ein Gespräch mit Hennig Scherf über Selbstkompetenz

Schule leiten wollte wissen, wie jemand mit so langer Lebenserfahrung in vielen Ämtern mit Leitungsfunktion Selbstkompetenz erklärt und was er Schulleitungen zu diesem Thema mit auf den Weg geben kann.
Schule leiten: Sie gelten als erfolgreicher Politiker, haben diverse Ressorts geleitet und waren zehn Jahre Bürgermeister in einer großen Koalition in Bremen. Wie hat sich in Ihrem Leben Selbstkompetenz entwickelt?
Henning Scherf: Ich habe mir das in der Praxis erarbeitet. Es ging nicht von Anfang an alles glatt, ich habe manche Kurve machen müssen. Fast 28 Jahre war ich Mitglied des Bremer Senats. Ich habe verschiedene Ressorts geleitet: Finanzen Soziales, Jugend und Sport Bildung, Wissenschaft und Kunst, das Justizressort, das Gesundheitsressort und zuletzt das Rathaus als Bürgermeister. Da gab es auch mal schwierige Situationen und ich habe auch Fehler gemacht. Wer glaubt, irrtumsfrei zu leben, ist weltfremd. Entscheidend ist, welche Konsequenzen man aus Irrtümern und Niederlagen zieht. So habe ich mir schrittweise angeeignet, wie man seine Rolle spielen kann.
Wichtig war für mich: Ich wollte nicht der schlaueste Beamte, sondern der Vermittler sein zwischen denen, die in den großen Behörden arbeiten, und denen, die im Parlament, in der Öffentlichkeit und als Journalisten Forderungen stellten und Kritik artikulierten. Daran habe ich richtig gearbeitet. Ich weiß, dass das ganz wichtig war. Das war eine meiner großen Alltagsbewährungserfahrungen, die ich über diese langen, langen Jahre gemacht habe.
Die haben mich dann auch befähigt, die große Koalition zu führen, die ich gar nicht wollte. Ich war ja eigentlich ein Rot-Grüner. In einer Mitgliederentscheidung hat die SPD aber für eine große Koalition mit der CDU gestimmt. Diese musste ich führen. Das ist dann sehr gut gelungen, denn ich hatte diese Rolle verstanden und habe sie ganz offensiv vertreten.
Was würden Sie als Ihren größten Lernprozess sehen?
Ich habe gelernt, dass man sich auch mit denen verbünden kann, mit denen man sich lange gestritten hat und von denen man sich bisher abgegrenzt hat. Ich habe jahrzehntelang polarisiert, polemisch und scharf. Ich bin damit gut über die Runden gekommen, weil meine eigenen Leute die Kampfattitüde gut fanden, nach dem Motto: Der steht auf unserer Seite, hat ein klares Bild vom Gegner und weiß genau, was gut und was schlecht ist. In der großen Koalition habe ich die wunderbare Erfahrung gemacht, mich mit denen verbünden zu können, die ich vorher als Gegner sah. Ich habe also aus einer langjährigen Fehleinschätzung gelernt und mich verändert.
Da waren Sie dann auch der geeignete Mann für den Vorsitz des Vermittlungsausschusses von Bundestag und Bundesrat.
Das war in der Zeit, in der es unterschiedliche Mehrheiten gab. Im Bundestag gab es eine rot-grüne Mehrheit und im Bundesrat eine Mehrheit der CDU-geführten Länder. Die Situation war klassisch für eine Blockadepolitik geeignet. Ich sollte im Vermittlungsausschuss pragmatische Kompromisse finden, die das Land voranbringen. Da habe ich spannende Sachen und Verfahren erlebt. Manchmal haben wir bis morgens um fünf Uhr getagt. Meine Vorgabe war: Wir gehen nicht auseinander, bevor wir uns geeinigt haben. Die Leute draußen haben einen Anspruch darauf, von uns konstruktive Beiträge zu hören. Es ist unmöglich, wenn wir nach draußen gehen und sagen: „Wir wissen nicht weiter! Das wurde akzeptiert.
Ich versuche mal, sehr verkürzt zusammenzufassen, was ich von Ihnen gehört habe: „Man kann nicht irgendwo hingehen in dem Bewusstsein: Ich bin jetzt hier und weiß genau, wo es langgeht! Vielmehr muss man sehr genau zuhören, verstehen und dann daraus entwickeln.
Genau richtig! Man muss die Leute mitnehmen. Sie dürfen nicht das Gefühl haben, der lässt uns im Regen stehen, der übergeht uns. Man muss Mitarbeiter und Partner motivieren, sodass die sagen, das hat Sinn, sich anzustrengen, es ergibt Sinn, bis...
Schule leiten
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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 20 / 2020

Selbstkompetenz – Innere Stärken entfalten

Schuljahr 1-13