Anne Jurczok, Eva Kalinowski, Klara Kager & Miriam Vock

Was Lesson Study zur Schulkultur beitragen kann

Anne Jurczok, Eva Kalinowski, Klara Kager & Miriam Vock

Erfahrungen aus dem Projekt Leistung macht Schule

Die Methode Lesson Study (zu Deutsch etwa „Unterrichtserforschung) hat sich in den letzten Jahren rund um die Welt einen Namen gemacht. Dabei ist Lesson Study viel mehr als das Erforschen einer Unterrichtsstunde: In einem mehrwöchigen Prozess durchlaufen Lehrkräfte systematisch Zyklen aus gemeinsamem Lernen, Planen, Unterrichten und Beobachten von Unterricht. Dabei werten sie jede Beobachtung intensiv aus, um das Lernen ihrer Schülerinnen und Schüler besser zu verstehen und den eigenen Unterricht kontinuierlich zu verbessern. Die Methode gilt als erfolgversprechend, und eine wachsende Zahl an wissenschaftlichen Studien liefert Hinweise auf ihre Wirksamkeit (zsf. Rjezak 2019). So scheint die Nutzung von Lesson Study dazu beizutragen, dass Lehrkräfte Lernprozesse ihrer Schülerinnen und Schüler zunehmend verstehen und deren unterschiedliche Lernbedürfnisse klarer wahrnehmen können. Aber wie kann sich die Lesson-Study-Methode in die bestehenden Strukturen einer deutschen Schule einordnen und Teil der Schulkultur werden?
Dieser und weiteren Fragen zu Lesson Study gehen wir derzeit im Rahmen eines Teilprojekts des Bund-Länder-Programms Leistung macht Schule (LemaS) nach (Weigand et al. 2020). In 19 Grundschulen in ganz Deutschland haben wir die Methode eingeführt und entwickeln sie gemeinsam mit Lehrkräfteteams so weiter, dass sie zu Rahmenbedingungen und Schulkulturen vor Ort passt. Gezielt suchen wir nach Faktoren, die für das Gelingen von Lesson Study relevant sind, und untersuchen, wie sich die intensive kooperative Teamarbeit in Lesson Study auf die beteiligten Lehrkräfte und Kollegien auswirkt. Da im Fokus von LemaS die bessere Förderung leistungsstarker Schülerinnen und Schüler steht, zielt auch die Arbeit in den Lesson-Study-Teams darauf ab, besser darin zu werden, leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler zu erkennen und im Unterricht mehr zu fördern.
Ein Beispiel aus der Praxis
In einer unserer Projektschulen ist das Kollegium bereits gewohnt, sich auf der Unterrichtsebene zu koordinieren und zusammenzuarbeiten. Schnell war klar, welches Thema im Lesson-Study-Prozess bearbeitet werden sollte: Seit Längerem wird in der Schule ein Lerntagebuch entwickelt, das Lernende dazu befähigen soll, Wissensinhalte und Arbeitstechniken regelmäßig zu reflektieren. Die Reflexion des eigenen Lernprozesses ist ein wesentlicher Bestandteil des Schulprogramms dieser Schule. Um das Lerntagebuch schulweit zu etablieren, mussten jedoch einheitliche Richtlinien für die Einführung und Nutzung geschaffen werden. Außerdem hatten viele Kinder Schwierigkeiten, ihrem Fähigkeitsniveau entsprechende Lernziele zu formulieren. Der erste Lesson-Study-Zyklus fokussierte deshalb die Einführung des Lerntagebuchs und die Formulierung von Lernzielen durch die Schülerinnen und Schüler.
Das Team plante eine Unterrichtsreihe für Mathematik (4. Klasse), in der eine überarbeitete Version des Lerntagebuchs eingeführt wurde, und konzipierte eine „Forschungsstunde. In dieser Unterrichtsstunde beobachteten und dokumentierten wir zusammen mit dem Team die Lernaktivitäten ausgewählter Lernender sehr genau (Knoblauch 2019). Beobachtet wurde, wie ein Kind arbeitet, auf die Lernangebote reagiert und mit Herausforderungen umgeht.In der anschließenden Auswertungssitzung wurden die Beobachtungen zusammengetragen und diskutiert. Das Ergebnis war positiv: Die Schülerinnen und Schüler nutzten das Lerntagebuch aktiv und schafften es besser als die Klassen zuvor, überhaupt Lernziele zu formulieren. Doch auch Weiterentwicklungsbedarf wurde festgestellt, denn es gab weiterhin Kinder, deren selbst formulierte Lernziele noch weit unter dem von den Lehrkräften vermuteten Leistungsvermögen lagen.
Am Ende des Lesson-Study-Zyklus hatte das Team ein klareres Bild davon, wie es das Lerntagebuch besser einführen kann und wie die Kinder es...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 22 / 2020

KULTUR.MACHT.SCHULE – Organisationskultur

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13