Frauke Peters, Christel Binder

Schulfusionen

Frauke Peters, Christel Binder

Gespräch mit einer doppelt betroffenen Schulleiterin

Städte und Gemeinden legen teilweise große Schulentwicklungsprozesse auf, um die Schullandschaft neu und effizient zu strukturieren. Das kann Schulschließungen, Fusionen oder auch Aufteilungen mit sich bringen. Gründe dafür sind Akzeptanzprobleme mancher Schularten, die Entwicklung der Bevölkerungszahlen und die daraus entstehenden (zu hohen) Kosten für die Schulträger. Oft entwickeln die Betroffenen vor Ort große Widerstände dagegen. Dies ist verständlich, da es sich in der Regel um eine nicht freiwillige Veränderung handelt, mit der Gefühle von Fremdbestimmtheit und Identitätsverlust einhergehen.
Gemeinhin werden zwei Fusionsarten unterschieden: die assimilierende, bei der eine Schule in einer anderen aufgeht, oder die integrierende, in der die zu fusionierenden Schulen zu etwa gleichen Teilen oder proportional zu ihrer Größe in eine neue Schule integriert werden sollen.
Unterschätzt wird von der Politik, dass eine Fusion zwar mittelfristig Synergien erzeugen und Effizienzgewinne bringen kann, dass dies aber im Übergang noch so ist. Wenn Schulen zusammengeführt werden, erhöht sich zunächst der Aufwand, da die bisherigen Bildungsangebote bestehen bleiben und die neue Organisation erst einmal gestaltet werden muss. Die Übergangszeit erfordert einen höheren Aufwand und zusätzliche Kräfte. Im Moment der Zusammenlegung von Schulen werden die Anrechnungsstunden aber gemäß der Größe der neuen Organisation reduziert.
Wie geht man als Schulleiterin bzw. Schulleiter damit um, wie kann der jeweilige Prozess in konstruktive Bahnen gelenkt werden und wie kann eine neue gemeinsame soziale Identität entstehen? Auskünfte gibt Christel Binder.
Schule leiten: Um welche Art der Veränderung ging es bei Ihnen?
Christel Binder: Bei uns ging es um zwei Fusionsprozesse, zum einen im Jahr 2003, als zwei kleine Realschulen zu einer großen an einem gemeinsamen Standort vereinigt wurden, zum anderen im Jahr 2017, als zwei Gemeinschaftsschulen (s. Kasten), eine große und eine kleine, die 500 m auseinander entfernt liegen, zu einer großen Schule mit zwei Schulstandorten vereinigt wurden. Die Entscheidung darüber wurde jeweils vom Schulträger aus Kostengründen getroffen. Das Besondere an dem zweiten Prozess ist, dass beide Schulen sich gleichzeitig im zweiten Jahr einer Konzeptionsphase befinden: Die eine Schule wurde von einer Realschule zur Gemeinschaftsschule, die andere entwickelte sich von einer Werkrealschule zu einer Gemeinschaftsschule. Das Konzept der in Baden-Württemberg noch relativ neuen Schulart war an beiden Schulen noch gar nicht richtig evaluiert, da musste aus Gründen der Zusammenlegung bereits ein neues, gemeinsames Konzept erarbeitet werden.
Gemeinschaftsschulen
Gemeinschaftsschulen
Gemeinschaftsschulen gibt es in Baden-Württemberg seit dem Schuljahr 2011/12. Im Mittelpunkt steht die individuelle Förderung der Kinder und Jugendlichen, die in gemischten Lerngruppen lernen. Die Lehrkräfte verstehen sich als Lernbegleiter, die jedes Kind intensiv individuell betreuen. Die Gemeinschaftsschule bietet die Bildungsstandards von Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien an. Schulen können sich mit einem pädagogischen Konzept um eine Veränderung hin zur Gemeinschaftsschule bei Schulträger und Schulaufsicht bewerben. Dies nahmen vor allem Werkrealschulen, die nicht mehr so stark nachgefragt wurden, und auch wenige Realschulen in Anspruch. Eine gymnasiale Oberstufe können bisher nur wenige Gemeinschaftsschulen anbieten. Im Schuljahr 2018/19 gab es in Baden-Württemberg 306 öffentliche und 13 private Gemeinschaftsschulen.
Schule leiten: Mit welchen Befürchtungen mussten Sie umgehen?
Christel Binder: Auf der Seite der Schülerinnen und Schüler standen die Befürchtungen, sich in einer neuen Klasse oder Lerngruppe mit neuen Lehrkräften wiederzufinden. Die Kinder und Jugendlichen fragten sich, ob die Freundinnen und Freunde...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 21 / 2020

Herausforderungen – Der ganz normale Wahnsinn

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13