Christiane von Schachtmeyer

Risiken und Nebenwirkungen

Christiane von Schachtmeyer

Wie man Organisationskulturen beeinflussen kann

Stefan Kühl, Professor für Organisationssoziologie an der Universität Bielefeld, ist auch Organisationsberater und Fortbildner für die Firma Metaplan. Seine Erfahrungen aus beiden Tätigkeiten bündelt er im vorliegenden Büchlein, das den Anspruch hat, für die Praxis geschrieben zu sein, ohne die Wissenschaftlichkeit zu vernachlässigen. Dieser Anspruch wird erfüllt.
Kühl bietet eine griffige Definition des schillernden Begriffs: Für ihn ist Organisationskultur die Summe der nicht entschiedenen Entscheidungsprämissen oder griffiger: die Summe aller „Schleichwege oder „Trampelpfade, über die nicht formal entschieden worden sei. Die Kultur einer Organisation, wie z.B. einer Schule, ist die Ebene der Informalität. Angelehnt an Niklas Luhmann beschreibt Kühl, wie in einer Organisation komplementäre Verhaltenserwartungen entstehen. Solche komplementären Erwartungen erkennt man an Aussprüchen wie: „Das macht man bei uns immer so …“ Teils wird über diese Erwartungen bewusst entschieden, wie man sich zu verhalten hat, etwa in Form eines Regelwerkes. Auf dieser formellen Ebene liegt z.B. das Verfahren zur Vorbereitung einer Zeugniskonferenz. Andere Verhaltenserwartungen entwickeln sich schleichend, ohne bewusste Entscheidungen, sie liegen auf der informellen Ebene. Wenn etwa Absprachen an der Kaffeemaschine vor der Zeugniskonferenz deren Entscheidungen vorwegnehmen oder eine Lehrkraft sich stets auf dem „kleinen Dienstweg direkt an die Schulleitung wendet, dann hat man es mit einem kulturellen Phänomen zu tun.
Kühl unterscheidet drei Ebenen in einer Organisation:
1. Schauseite (z.B. Website, Leitbild)
2. formale Seite (Curriculum, Arbeitszeitverordnung)
3. informale Seite (Schulkultur, geheime Spielregeln).
Kühl wendet sich gegen Programme des kulturellen Wandels, die auf der Schauseite ansetzen und z.B. das Einsetzen eines Kulturmanagers, um die Mitarbeitenden zur Verhaltensänderung anzuleiten. Er hält diese Maßnahmen für weitgehend wirkungslos, genau wie Leitbildprozesse, die nicht agil und partizipativ strukturiert sind, sondern eher auf der Schauseite zu verorten sind.
Stefan Kühl plädiert dafür, auf den Zusammenhang zwischen der formalen und der informalen Seite zu achten, und ist der festen Überzeugung, dass man auf der formalen Seite ansetzen muss, um die informale zu ändern. Um einen Kulturwandel zu initiieren, muss man also die Kommunikationsstrukturen verändern (z.B. auf Lehrerkonferenzen, in Pausen ), neue Programme aufsetzen (z.B. Aufgaben einer Fachkonferenz verändern) oder das Personal anders einsetzen (z.B. Klassenlehrerteams neu zusammensetzen). Wichtig sei es dabei, zu Beginn eines solchen Prozesses diesen sehr stark zu formalisieren.
Analyse vor Veränderung
Vor der Kulturgestaltung steht allerdings die Kulturanalyse, um realistische Ziele formulieren zu können. Geeignet findet Kühl z.B. Interviews mit Neulingen in Betrieb oder Schule (einzeln und in Gruppen), aufbauend auf Fragen wie: „Was muss man hier tun, um einen guten Stand bei den Kollegen zu haben? Von Fragebögen rät er eher ab, weil diese meistens eher sozial erwünschte Antworten hervorbringen.
Anregung statt Anleitung
Insgesamt gibt Kühl mit diesem Band einen wissenschaftsbasierten wie auch handlungsorientierten Überblick über das komplexe Thema Organisationskultur und bietet zur Orientierung einen eindeutigen Standpunkt. Allerdings bleiben Zweifel: Welche Risiken und Nebenwirkungen bei einem Kulturwandel durch Strukturveränderung entstehen, erfährt man nicht. Man kann auch nicht sicher sein, ob mit einer Strukturveränderung wirklich die gewünschte Kulturveränderung erwirkt wird. Kulturwandel funktioniert letzten Endes eben nur über Bande. Wahrscheinlich gilt: Probieren geht über Studieren und dafür bietet dieser Band wirklich gute Anregungen.
Stefan Kühl
Organisationskulturen beeinflussen
Eine sehr kurze Einführung.
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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 22 / 2020

KULTUR.MACHT.SCHULE – Organisationskultur

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13