Ulrike Becker

Konflikte zwischen Schülern und Lehrkräften

Ulrike Becker

Anregungen für ein lösungsorientiertes Schulleitungshandeln

Herr Schneider, ein erfahrener Französisch- und Sportlehrer, hat Pausenaufsicht. Max, ein 15-jähriger Schüler, rast auf ihn zu, bremst dann ab und kommt fast zum Stehen, bevor er langsam am Lehrer vorbei durch das Hoftor schlendert. Dabei rempelt er den Lehrer an und sagt sofort im Vorbeigehen: „Entschuldigen Sie bitte. Es tut mir leid! Danach verlässt er unerlaubt das Schulgelände, um sich an der nahegelegenen Tankstelle ein Sandwich zu kaufen. Max ist 1,90 m groß, sportlich und durchtrainiert, eine beeindruckende Erscheinung. Herr Schneider beschwert sich bei seinem Schulleiter, Herrn Müller: „Das hat er mit Absicht getan. Er wollte, dass ich zur Seite springe, damit er durchgehen kann. Als ich stehen geblieben bin, hat er mich angerempelt.
Schulleiter als Schlichter
Der Lehrer will den Schüler wegen mehrfacher Grenzüberschreitung nicht mehr unterrichten und fordert in seiner Erregung sogar, Max müsse die Schule verlassen. Herr Müller äußert sein Verständnis: „Ich verstehe, dass Sie wütend sind! Anschließend spricht der Schulleiter mit dem Schüler. Max leugnet, Herrn Schneider absichtlich angerempelt zu haben. Der Schulleiter fragt ihn: „Der Lehrer will dich nicht mehr unterrichten. Du bist für deine Wirkung auf Lehrkräfte verantwortlich. Wie kannst du erreichen, dass er dich wieder unterrichten möchte? Nach mehreren Gesprächen zeigt Max Einsicht: „Ich muss es wiedergutmachen. „Wie? „Für Herrn Schneider die Pausenaufsicht am Tor machen. In der sich anschließenden Klassenkonferenz verständigen sich alle darauf, dass Max Herrn Schneiders Pausenaufsicht vier Wochen lang übernimmt und Herr Schneider ihn dabei unterstützt. Dazu wird ein Vertrag zwischen Schulleitung, Lehrkräften, dem Schüler und seinen Eltern erstellt und unterschrieben. Der Vertrag enthält einen Termin für ein Auswertungsgespräch.
Wiedergutmachung statt Suche nach der Schuld
In diesem Konflikt kann nicht bewiesen werden, dass Max Herrn Schneider mit Absicht angerempelt hat. Deshalb wäre es sinnlos, mit ihm darüber zu streiten. Besser sind Ausführungen wie: „Es ist der Eindruck entstanden, dass du ihn absichtlich angerempelt hast. Oder: „Auch wenn du es nicht absichtlich getan haben solltest, bleibt der Fakt, dass du ihn berührt hast. Wie kannst du das wiedergutmachen?
Kinder und Jugendliche müssen die Möglichkeit erhalten, Widergutmachung zu leisten. Dadurch können sich die Schuldgefühle des Schülers und die Kränkung der Lehrkraft auflösen. Es wird ein „Reset zwischen beiden möglich. Dadurch werden zukünftige Begegnungen im Unterricht und in Pausen von negativen Gefühlen, wie Ablehnung und Aggression, befreit. Je älter ein Schüler oder eine Schülerin ist, umso mehr muss ihnen die Möglichkeit gegeben werden, selbst eine Lösung zu finden.
Die Klassenkonferenz dient der Lösungsfindung und darf keine „Anklagebank sein. Diskriminierende Äußerungen müssen vermieden werden. Dies gelingt durch
  • die Einhaltung von Gesprächsregeln, wie „Ich spreche nur in Ich-Form!
  • vorausgehende Einzelgespräche mit allen Beteiligten und
  • eine Sitzordnung, die Konfrontationen vermeiden hilft und die Lösungsorientierung begünstigt: Die Schulleitung sitzt neben den Eltern des Jugendlichen, die Klassenlehrer nehmen den Jugendlichen in ihre Mitte und Herr Schneider sitzt gegenüber inmitten der Fachlehrer. Auf diese Weise sieht hat Herr Schneider eine Position, die ihm ermöglicht, Lösungsvorschläge des Jugendlichen anzunehmen oder abzulehnen. Der Schüler wiederum nimmt die Nähe zwischen der Schulleitung und seinen Eltern wahr.
Nach vier Wochen findet ein Auswertungsgespräch statt, in dem Herr Schneider Max für die zuverlässige und fast immer pünktliche Übernahme der Pausenaufsicht loben kann. Max ist bei den Jüngeren in der Schule sehr angesehen und hat deshalb eine positive Wirkung auf deren Verhalten in der Hofpause entfalten können. Herr Schneider...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 10 / 2017

Mit Konflikten umgehen – Auf Krawall gebürstet

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13