Andrea Lüdtke, Dietmar Otto

Konfliktbearbeitung mit „Neuer Autorität“

Andrea Lüdtke, Dietmar Otto

Eine Orientierung auch für Führungskräfte

Der klassische Autoritätsbegriff in der Schule hat ausgedient. Kontrolle als Steuerungsinstrument in Arbeitsbeziehungen ist vielfach diskreditiert. Und obwohl wir uns in der Schule weitestgehend von autoritären Strukturen losgesagt haben, sehen wir uns in komplexen Anforderungssituationen mit dem Ruf nach machtvoller Autorität konfrontiert, die wieder für klare Verhältnisse sorgen soll etwa wo von Schulleitungen gefordert wird, die angeschlagene Autorität von Lehrkräften durch massive Maßregelungen von Schülern wieder herzustellen. Die häufige Folge davon ist eine Eskalation der schulischen Beziehungen, die es nach allen Seiten schwierig macht, in einem guten Kontakt zu bleiben. In diesem Kontext bietet das von Haim Omer (Tel Aviv/Israel) entwickelte und von Arist von Schlippe mit ihm in Deutschland verbreitete Konzept der Neuen Autorität eine hilfreiche ethische und pragmatische Orientierung auch für schulische Führungskräfte. Im Zentrum dieses Verständnisses von Autorität steht der Begriff der Präsenz: Sei es das Elternhaus, die Schule oder die Öffentlichkeit, stets geht es darum, eine Form von Anwesenheit und Dasein zu verwirklichen, die weder auf Macht noch auf Nachgiebigkeit gegründet ist, sondern statt dessen auf Dialog, Beziehung und Kooperation.
Damit fokussiert die Neue Autorität auf etwas grundsätzlich anderes als Kontrolle, Durchsetzung und Macht, nämlich auf Verantwortungsübernahme für Veränderungen im schulischen Miteinander, die sich um Verbundenheit, beharrliche Präsenz und Transparenz allen Beteiligten im System gegenüber bemüht.
Neue Autorität in der Schule eignet sich als präventives Haltungs- und Handlungskonzept sowohl für die alltägliche pädagogische Arbeit, als auch für ein Halt gebendes, kooperatives und entwicklungsförderndes Leitungshandeln. Seine besondere Stärke entfaltet der Ansatz der Neuen Autorität immer dann, wenn es um den Umgang mit Konflikten und die Bedrohung der in der schulischen Gemeinschaft vereinbarten Werte und Regeln geht.
Ein Praxisbeispiel „Klare Kante erwartet
Der Lehrer einer 9. Klasse kommt wegen eines Schülers zur Schulleiterin. Aufgebracht berichtet er, dass dieser Schüler wiederholt massiv den Unterricht störe und sich ihm gegenüber heftig und aggressiv im Ton vergriffen habe. Er habe jetzt die Nase voll und erwarte von der Schulleiterin ein deutliches Zeichen mit entsprechender Disziplinierung.
Das Beispiel drückt ein Grundproblem aus, mit dem Leitungskräfte häufig konfrontiert sind, nämlich das Delegieren von Problemen nach oben, in diesem Fall die hohe Zahl an Schülern, die zwecks Sanktionierungen immer noch zu den Abteilungsleitungen oder zur Schulleitung geschickt werden. Damit verbunden sind ungezählte Disziplinarkonferenzen, die viel Zeit und Kraft kosten und in den wenigsten Fällen zu nachhaltigen Resultaten führen. Der machtorientierte „Gewinn dieser Veranstaltungen ist, wenn überhaupt, von kurzer Dauer und erfolgt häufig zu einem hohen Preis für alle Beteiligten für Schüler und deren Eltern, die nichts anderes als eine weitere schulische Machtdemonstration erkennen können, ebenso für Lehrkräfte und Schulleiter, die sich in erschöpfenden Pausenkonferenzen darin bestätigen, dass sie regelmäßig hinter ihren Möglichkeiten pädagogisch wirksamen Handelns zurückbleiben.
Mit dieser Praxissituation als Ausgangslage werden wir im Folgenden einige Facetten der Neuen Autorität für schulisches Leitungshandeln in Konfliktlagen nutzbar machen. Dabei schreiben wir diesen Artikel in Co-Autorenschaft aus der Perspektive der Schulleiterin, durch die wir Handlungsweisen und strukturelle Aspekte so darstellen können, dass reale Praxiserfahrungen unserer schulischen Arbeit mit theoriegeleiteten Reflexionen aufgearbeitet werden.
Deeskalation und das Prinzip des Aufschubs
Bei allem, was in dieser Situation zur Vorgehensweise mit dem Schüler zu beschreiben wäre,...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 10 / 2017

Mit Konflikten umgehen – Auf Krawall gebürstet

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13