Peer Kaeding

Das Präventionsdilemma

Peer Kaeding

Präventionsarbeit zielgerichtet steuern

„Ein wichtiger Erklärungsansatz für die Abnahme schulischer Gewalt ist neben der mittlerweile verbreiteten Implementation von Präventionsprogrammen in der Schule, die Bereitschaft der Lehrer- und Schülerschaft bei Gewalt und Mobbing zu intervenieren. (Schubarth et al. 2017)
Prävention bedeutet, etwas Schlimmeres durch Vorbeugung zu verhindern. In der Schule ist damit zumeist die Verhinderung von Gewalt, Sucht, Mobbing, sexuellen Grenzverletzungen, Ausgrenzungen oder anderen Opfererfahrungen gemeint. Schülerinnen und Schüler sollen in der Schule nicht nur Inhalte und Lernkompetenzen, sondern auch Werte und Lebenskompetenzen erwerben. Entsprechend stehen diverse Präventionsprogramme zur Verfügung:
  • Gewaltpräventionsprogramme
  • Programme zum sozialen Lernen
  • Schüler-Mediations-Programme
  • Programme zur Prävention von Nikotinkonsum
  • Programme zur Suchtprävention
  • Anti-Mobbing-Programme
  • Programme gegen Cybermobbing und für den aufgeklärten Umgang mit sozialen Medien
  • Opferschutzmaßnahmen
  • Life-Skills und Anti-Stress-Programme
  • Maßnahmen zum Kinderschutz
  • Demokratiepädagogische Ansätze
  • Kriseninterventionsteams und Krisenordner für Schulen.
Ergebnisse der Präventionsforschung
Wenngleich die große Mehrheit der pädagogischen Fachkräfte an Schulen sicherlich Werte wie Gewaltfreiheit, Gesundheit und Demokratie als zentral für ein gelingendes schulisches Miteinander einschätzt und die genannten Programme als wertvolle Beiträge zur Entwicklung und zur Förderung der Kinder und Jugendlichen erkennt, sind sie im schulischen Alltag häufig ein Randphänomen. Die Gründe hierfür sind vielfältig :
  • Der Lebensraum Schule ist ein verhältnismäßig sicherer Ort. Gewalthandlungen unter Jugendlichen sind rückläufig. Auch die Akzeptanz von Gewalt unter Jugendlichen sinkt (vgl. Böhm & Kaeding 2014, Brettfeld & Wetzels 2012).
  • Auch der Umgang mit Suchtmitteln wie Alkohol und Nikotin, aber auch Cannabis und anderen Drogen ist unter Jugendlichen deutschlandweit rückläufig. Allerdings ist der Bereich der Online- und Spielsucht deutlich gestiegen und erfordern zielgerichtete Präventionsmaßnahmen (vgl. Melzer & Hiller 2015).
  • Landesweite Berichterstattungen über sexuelle Grenzverletzungen durch Personal an Schulen (und in anderen, etwa kirchlichen, Institutionen) sind zwar notwendig, weil die öffentliche Debatte Opfer erstmals ernst genommen hat und u.a. ein modernisiertes Opferschutzgesetz zur Folge hatte. Allerdings führen die teilweise reißerischen Schlagzeilen zu einer falschen Fokussierung auf massive Grenzverletzungen die alltäglichen, kleinen Grenzverletzungen, die häufig der Großtat vorausgehen, werden dabei ausgeblendet. Auf diese Weise kann sich leicht die falsche Überzeugung „So etwas gibt es zum Glück an unserer Schule nicht! entwickeln.
Gleichwohl gilt: Wenn viele Menschen aufeinandertreffen, machen sie einander zu schaffen, das gilt auch für Schulen. Kinder und Jugendliche werden gemobbt, sind gestresst, werden aufgrund ihres Aussehens, ihrer Sexualität oder ihrer Herkunft ausgegrenzt, beleidigt, beschimpft, bedroht oder gar verletzt (Bilz et al. 2016). Die Schule ist zwar für viele ein sicherer Ort, dennoch verbinden einige junge Menschen mit dem Schulbesuch Angst, Stress, Selbstzweifel, Ablehnung, Hilflosigkeit oder schlicht Überforderung.
Prävention sollte sich dabei nicht nur an diejenigen richten, denen es schlecht geht. Denn es geht darum, ein Klima des Miteinanders zu schaffen, in dem Unterschiedlichkeit, Meinungsverschiedenheiten, Herausforderungen gemeinsam bewältigt werden, anstatt andere zu drangsalieren oder in den inneren Rückzug zu gehen.
Die Präventionsforschung bietet hierfür diverse Argumente:
Das entwicklungs- psychologische Argument
Diverse Studien zeigen, dass ein junges Einstiegsalter in die Kriminalität die Wahrscheinlichkeit späteren kriminellen Verhaltens erhöht. Maßnahmen gegen Gewalthandeln können also umso effektiver...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 10 / 2017

Mit Konflikten umgehen – Auf Krawall gebürstet

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13