Gezielte Beobachtung als Instrument der Führung

Wenn die Schulleitung zuschaut

Nicht nur aus dem pädagogischen Bereich kennt man das: Unter Beobachtung (selbst der indirekten, etwa durch Kameras) verhalten sich die Menschen anders als unbeobachtet. Dieses Phänomen lässt sich zur Führung nutzen.

Schulleiterin beobachtet
Schulleiterin beobachtet © Pixabay / Gadini

„Beobachten ist aktives Intervenieren“

Der Psychiater Fritz B. Simon hat festgestellt: „Beobachten ist kein unschuldiges, passives Aufnehmen von Informationen, sondern aktives Intervenieren in soziale Systeme.“ Der Beobachter kann sich also nicht heraushalten, er ist immer ein Teil des sozialen Systems um sich herum. Dieser Zusammenhang erklärt auch, weshalb unterschiedliche Beobachter zu höchst unterschiedlichen Resultaten kommen. Dieser Sachverhalt ist doppelt interessant, nämlich für die Bewertung von Beobachtungen und für deren gezielten Einsatz.

Beobachtungen

  • sind nie vollständig;
  • hängen vom sozialen Kontext ab;
  • werden durch die/den Beobachtende/n interpretiert;
  • erlauben mehrere Erklärungen
  • und wirken auf die beobachtete Person zurück.

Bewertung von Beobachtungen

Wer sich darüber klar ist, dass verschiedene Beobachter zu abweichenden Beobachtungen kommen, kann seine eigenen Wahrnehmungen und die anderer Personen relativieren. Es gibt keine objektiv registrierten Tatsachen, sondern eine Wahrnehmung, die durch die Anwesenheit des Beobachtenden und seinen Blickwinkel geprägt ist. Deshalb werden mehrere Beobachter eingeschaltet, wenn es um wichtige Entscheidungen geht. Bei Einstellungsgesprächen oder mündlichen Prüfungen entscheidet in der Regel niemand allein, sondern mehrere Personen. Deren unterschiedliche Wahrnehmungen werden abgeglichen, bevor eine Entscheidung getroffen wird.

Im Tagesgeschäft vergessen wir jedoch häufig, dass die Realität von uns selbst eingefärbt ist und daraus eine subjektive Einschätzung resultiert. Das gilt insbesondere bei Wahrnehmungen, die unseren Erwartungen entsprechen oder unser Vorurteil unterstützen. Schnell fühlen wir uns bestätigt („Typisch, das war mir schon vorher klar“!). Und dieses Bild verfestigt sich sehr bald. Beobachten wir etwas, das unserer Einschätzung zuwider läuft, finden wir auch dafür eine Erklärung: „Na ja, das war ein Ausreißer!“ oder „Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn!“

Diese Überlegungen sollen Ihre Fähigkeit zum Beobachten nicht verunsichern. Es ist jedoch wichtig, sich der Subjektivität der eigenen Beobachtung bewusst zu sein. Wenn uns klar ist, dass das Ergebnis unserer Beobachtung auch immer ein Stück persönliche Bewertung ist, dann wird man vorsichtiger beobachten und offener interpretieren, vielleicht auch nachfragen und erneut nachdenken. Außerdem fällt es dann leichter, andere Beobachter einzubeziehen und deren Meinung zu berücksichtigen.

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Gezielter Einsatz des Beobachtens

Wenn man realisiert hat, dass Beobachten zugleich Intervenieren ist, dann stellt sich die Frage, ob sich das Intervenieren gezielt steuern oder beeinflussen lässt. Vielleicht haben Sie sich selbst schon mal gefragt: „Nehme ich an dem Elterngespräch (oder der Fachkonferenz) teil oder nicht?“ Wer sich so fragt, weiß genau, dass die eigene Anwesenheit den Verlauf der Zusammenkunft beeinflusst. Man kann dann entscheiden, auf die Teilnahme (und Beobachtung) zu verzichten, weil man darauf vertraut, dass die Akteure das selbstständig vernünftig regeln werden. Man kann sich aber auch für die Teilnahme (und Beobachtung) entschließen, weil man „moralische Rückenstärkung“ oder Unterstützung durch Anwesenheit signalisieren will. In diesem Fall betreiben Sie eine aktive Intervention.

Wenn Sie sich für die Teilnahme und Beobachtung entscheiden, haben Sie wiederum unterschiedliche Möglichkeiten der Einwirkung. Das geschieht ganz automatisch durch Mimik und Körpersprache. Stellen Sie sich ein Prüfungsgespräch vor, an dem Sie als Beisitzer/in teilnehmen. Ein freundliches Lächeln, ein ironisches Grinsen, ein kritisches Stirnrunzeln oder ein betont neutrales Pokerface wirken sich auf den Prüfling sehr unterschiedlich aus. Auch wenn Sie versuchen, ganz unbeteiligt zu schauen, muss Ihnen klar sein: Man kann als Beobachter nicht nicht einwirken!

Diese Tatsache kann und sollte Anlass sein, seine eigene Meinungsbildung beim Beobachten zu relativieren und sein Verhalten als Beobachtende/r zu reflektieren!


Mehr zum Thema:

„Auf die Kopplung von Systemen schauen!“

Interview von Fritz B. Simon zu seinem Buch „Formen“. In: Wirtschaft + Weiterbildung 04/2018, S. 14 ff.

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