Jöran Muuß-Merholz

Trojaner, Katalysator oder Verstärker?

Das System Schule kann man sich wie ein Mobile vorstellen, bei dem unterschiedliche Elemente locker und ausbalanciert miteinander verbunden sind, damit es auf Einflüsse von außen flexibel reagieren kann.
Das System Schule kann man sich wie ein Mobile vorstellen, bei dem unterschiedliche Elemente locker und ausbalanciert miteinander verbunden sind, damit es auf Einflüsse von außen flexibel reagieren kann., © LauraTara / Pixabay

Jöran Muuß-Merholz

Was die Digitalisierung mit der Schule macht und umgekehrt

Schule und Digitalisierung bilden ein komplexes Spannungsfeld. Gängige Denkmuster wie das SAMR-Modell oder die Mehrwertdebatte greifen einerseits zu kurz, andererseits lassen sie außer Acht, dass Medien als Verstärker wirken.

Revolution mit Verzögerung
Als Gutenberg den modernen Buchdruck erfand, verwendete er für seine Bücher nicht etwa eine Typografie, die wir heute als Druckschrift erkennen würden. Er druckte seine Buchstaben in Schreibschrift. Gutenberg war kein Revolutionär. Seine Grundidee war nicht die Abschaffung, sondern die Optimierung des etablierten Geschäftsmodells der Vervielfältigung von Büchern. Die Darstellung der Gutenberg-Bibeln zielte auf möglichst große Ähnlichkeit zu den manuell produzierten Vorbildern. Diese waren bis dahin in Einzelarbeit abgeschrieben und illustriert worden. Gutenberg hoffte durch die „Massenware auf günstigere Produktionskosten, wollte aber ein vergleichbares Produkt anbieten.
Es brauchte eine Generation von Druckmeistern nach Gutenberg, um die Möglichkeiten und Vorteile der Gestaltung in Form von unverbundenen Druckbuchstaben zu entdecken und zu erproben. Auch beim Inhalt veränderte sich zunächst nicht viel. 80% der Bücher, die in den ersten 50 Jahren gedruckt wurden, behielten Latein als Sprache bei. Fachleute gehen davon aus, dass es ein volles Jahrhundert dauerte, bis die ersten Umrisse einer neuen Welt zu erkennen waren (vgl. Jarvis 2012).
Auch bei anderen Technologien, die zu ihren Zeiten „neue Medien waren, lässt sich dieses Phänomen beobachten. Mit Digitalisierung, Internet oder Smartphones kopieren und optimieren wir zunächst die uns bekannten Dinge. Bücher wurden zu E-Books, Schallplatten erst zu CDs, dann zu Downloads, Zeitungen zu Online-Magazinen, Briefe zu E-Mails. Es brauchte eine Phase des Ausprobierens und Herausfindens, des Neuverstehens und Neuerfindens. Spotify und YouTube sortierten Musik und Geschäftsmodelle tatsächlich neu; Zeitungsverlage machen heute Videos, Blogs und Podcasts; der Schriftverkehr fragmentiert sich im Messenger und mischt sich mit neuen Symbolen und Sprachnachrichten.
Doch bleibt es nicht bei technischen Veränderungen. Auch soziale Praktiken (z.B. Partnerfindung), gesellschaftliche Rollen (z.B. Meinungsbildner) und Machtverhältnisse (z.B. Plattformen) verändern sich. Es hat sich gezeigt: Ein gesellschaftlicher Fortschritt geht nicht zwangsläufig damit einher.
Digitale Revolution der Schule?
Mit DigitalPakt und Coronakrise erreichte die Digitalisierung 2020 die Mitte der Schule. Wie schon in anderen Bereichen trat die digitale Revolution nicht über Nacht auf den Plan. Stattdessen wird bisher überwiegend das digital optimiert, was wir bereits länger kennen. Aus Schulbüchern werden elektronische Bücher; aus dem grün-weißen Tafelbild werden Whiteboards; aus Karteikarten für Vokabeln werden Vokabeltrainer-Apps.
Wir befinden uns wohl am Anfang einer Übergangszeit. Wir stehen in den Schulen in Sachen Digitalisierung dort, wo Gutenberg für seine Bibeln noch die Handschrift kopierte, wo der Brockhaus seine Enzyklopädie mit Videos und Animationen angereichert in digitaler Form veröffentlichte.
Wird mit den „neuen Medien auch eine „neue Schule entstehen? Oder steht am Ende der aktuellen Übergangsphase eine Stabilisierung der „alten Schule?
Welche Veränderung?
Auf welcher Basis können wir reflektieren, spekulieren und diskutieren, was nach der durch Digitalisierung geprägten Übergangsphase passieren könnte? Im Folgenden werden zwei gängige Argumentationsmuster untersucht.
1. Mehrwert im Mobile gesucht
Ein verbreiteter Fehlschluss in der Diskussion über den digitalen Wandel liegt im Ausblenden einer systemischen Perspektive. Dieses Manko zeigt sich im verbreiteten Suchen nach einem „Mehrwert der digitalen Medien, den man gegenüber den prädigitalen Medien erkennen müsse (vgl. Krommer 2018). Dabei wird verkannt, dass die...

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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 91 / 2020

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