Christiane von Schachtmeyer

Ist digital egal?

Christiane von Schachtmeyer

Ein Gespräch mit Barbara Liebermeister über Führen im digitalen Zeitalter

Schule leiten: Frau Liebermeister, was ist Ihr augenblicklicher Aufgabenschwerpunkt?
Barbara Liebermeister: Das IFIDZ untersucht die Herausforderungen, die die digitale Welt an die Unternehmen und die Führungskräfte stellt. Denn nur, wenn wir diese kennen, wissen wir, welche Kompetenzen die Führungskräfte brauchen, um erfolgreich dem digitalen Wandel die Stirn zu bieten.
Dieses Thema beschäftigt auch die Schulen, die im Unterricht und der schulischen Führung auf eine neue Generation treffen, die ganz anders arbeitet und agiert als vorherige. Ich habe vor Kurzem gelesen, Führen in der digitalen Welt bedeute heute ausschließlich Organisation der Kollaboration, die Selbstorganisation stünde über allem anderen. Hat die Hierarchie denn ausgedient?
Vielleicht trifft Ihre Frage nicht ganz den Kern. Hierarchie spielt eine eher untergeordnete Rolle, dafür wird Führung immer wichtiger. Allerdings muss sich die Führung ändern.
Es verändern sich ja auch die Erfahrungen, die man als Führungskraft macht. Die digitalen Informationsflüsse ermöglichen es, dass jede einzelne Entscheidung oder Äußerung einer Führungskraft in informellen Netzwerken, wie z.B. Whatsapp oder Twitter, gleich kommentiert wird, ohne das ich das steuern kann.
Das ist richtig. Das digitale Zeitalter bringt uns zu einer ganz neuen Transparenz. Was an sich ja nichts Negatives beinhaltet: im Gegenteil. Es unterstreicht unsere Verantwortung. Wir müssen uns vor Augen führen, dass unsere Worte und Handlungen jederzeit hinterfragt und/oder publiziert werden können. Insofern ist man als Führungskraft gezwungen, die eigenen Worte und Handlungen noch stärker zu hinterfragen und bewusster zu platzieren.
Führen bedeutet, dass ich das Verhalten von Menschen gezielt und wirksam beeinflusse und das kann in vielen Bereichen geschehen. Robinson Crusoe fing an zu führen, als Freitag auf die Insel kam. Menschen beginnen zu führen, wenn sie auf andere Menschen treffen. So definiere ich Führung. Und wenn wir heute von einer Kernkompetenz von Führungskräften im digitalen Zeitalter sprechen, dann ist das die Kompetenz, Hierarchie zu verlernen.
In Zeiten so großer Unsicherheit und Schnelllebigkeit, wo Entscheidungen schnell obsolet werden, brauchen wir eine andere Führung, sagten Sie. Wie sieht die aus?
Ja, der griechische Begriff „Hierarchie bedeutet „Herrschaft der Heiligen also eine Führung, die nicht hinterfragt wird. Eine solche Führung ist im digitalen Zeitalter weder gefragt, noch wird sie akzeptiert. Stattdessen ist „Führung auf Augenhöhe und „wertschätzende Führung angesagt. Eine solche Art zu führen wird zwar seit zig Jahren mal mehr oder mal minder stark propagiert, sie wurde aber von den Wenigsten gelebt.
Und jetzt kommt man nicht mehr darum herum?
Genau. Denn jetzt hat es Führung mit den sogenannten Digital Natives zu tun. Die Angehörigen dieser Generation kann und darf man jedoch nicht über einen Kamm scheren: Sie können zwar besser als die meisten Digital Immigrants mit dem Smartphone umgehen, sie gehen jedoch teils disziplinierter mit diesem Medium als diese um. Die Digital Natives, also die nach 1990 Geborenen, haben in der Regel jedoch ein anderes Wertesystem verinnerlicht als ihre älteren Kollegen, das es beim Führen zu berücksichtigen gilt: Für sie ist Arbeit nicht per se der Lebenszweck; sie wollen in ihrer Arbeit Sinn erfahren, nur dann sind sie auf Dauer leistungsbereit. Diesbezüglich können wir Älteren von ihnen durchaus etwas lernen.
Zudem haben sie auf dem Arbeitsmarkt den großen Vorteil, dass es relativ wenige von ihnen gibt. Die Unternehmen müssen sich um diese Menschen bemühen. Wenn ich registriere, dass die Führungskräfte, wie gewohnt, hauptsächlich mit Ansagen von oben führen, dann nehme ich mir die Freiheit anzumerken: Früher war es ein „Nice to have, auf Augenhöhe zu führen; heute ist es ein „Must...

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Fakten zum Artikel
aus: Schule leiten Nr. 17 / 2019

Digitalisierung – Nicht nur irgendwas mit Medien

Friedrich+ Kennzeichnung Schuljahr 1-13