Vera Busse

Homeschooling aus Elternsicht

Vera Busse

Lernen in und aus der Krise

In Deutschland gibt es eine Schulpflicht. Der Hausunterricht durch die Eltern ist grundsätzlich nicht erlaubt. Hierfür gibt es gute Gründe. Durch Schule erlangen alle Kinder unabhängig vom familiären Hintergrund systematischen Zugang zu Bildung. Zudem können Kinder aus unterschiedlichen Schichten und unterschiedlichen religiösen oder weltanschaulichen Orientierungen gemeinsame Erfahrungen in der Schule machen eine Grundlage für die Konstituierung einer demokratischen Zivilgesellschaft.
Lernen allein zuhaus
Dennoch gibt es seit Monaten im Homeschooling häufig nur minimalen Kontakt zu den Lehrkräften und Mitschülerinnen und Mitschülern. Die langfristigen gesellschaftlichen Folgen der Schulschließungen, die Auswirkungen auf Chancengleichheit und individuelle Bildungsverläufe, die enormen Belastungen für Kinder und Eltern, insbesondere für die Mütter, die vielfach in der Krise die Kinderbetreuung schultern, werden dabei kaum kontrovers diskutiert.
Aus den internationalen Vergleichsstudien wie PISA wissen wir, dass der Zusammenhang von schulischem Erfolg und familiärem Hintergrund in Deutschland deutlicher ausgeprägt ist als in vielen anderen OECD-Ländern. Diese Kopplung wird sich durch die Corona-Krise vermutlich deutlich verstärken. Laut einer Forsa-Befragung (https://bit.ly/2BA7bvT) an allgemeinbildenden Schulen teilen diese Befürchtung 86% der befragten Lehrkräfte. Besonders gefährdet sind dabei Kinder aus prekären Verhältnissen sowie Kinder, deren Eltern mit der Unterrichtssprache Deutsch weniger vertraut sind und sie deshalb kaum unterstützen können.
Als Mutter zweier schulpflichtiger Kinder und Elternvertreterin einer 6. Klasse an einem Gymnasium habe ich über die letzten zwei Monate durch zahlreiche Elternbriefe einige Einsichten erhalten, die zeigen, dass das Homeschooling auch für Kinder und Eltern mit vergleichsweise guten Voraussetzungen belastend ist. Die vier Haupt herausforderungen sind meist:
1. Fehlende Strukturierung des Tages durch den Wegfall der Schule und elterliche Rhythmisierung des Lernprozesses
Wann soll die schulische Arbeit starten, wann soll sie enden? Wie sollen die Aufgaben über die Woche verteilt werden? Die Aushandlung dieser Fragen führt häufig zu Konflikten in Familien, insbesondere wenn plötzlich sehr viele zeitaufwendige Arbeitsaufträge eingehen und es keine Übersicht darüber gibt, was wann bearbeitet werden soll. In Finnland hingegen beginnt der Unterricht morgens mit einem gemeinsamen Videokontakt. Erst dann werden die Aufgaben eingestellt. Das schafft auch für die Familien Struktur und stellt sicher, dass alle Kinder gleichzeitig beginnen und ähnliche Arbeitszeiten haben.*
2. Mangelnder Kontakt der Kinder zu den Lehrkräften und untereinander
Laut Forsa-Umfrage werden Videokonferenzen zum synchronen Austausch in Deutschland kaum eingesetzt, u.a. auch deshalb, weil zuvor von politischer Seite nicht sichergestellt wurde, dass alle Kinder während der Schulschließung auch über einen Computer verfügen. In den Klassen meiner Kinder wurde vor den Osterferien auf Videokonferenzen verzichtet, obgleich laut einer schulinternen Umfrage 94% der Lernenden Zugang zu einem Computer sowie ein eigenes Smartphone haben. Die an der Schule genutzte Arbeits- und Kommunikationsplattform iServ bietet Chatfunktionen und ein Modul für Videokonferenzen, um miteinander über Rechner oder Smartphones in Kontakt zu treten. Allerdings scheint der Server nicht leistungsfähig genug zu sein für Videokonferenzen in größeren Gruppen. Andere Tools sollen jedoch aus Gründen des Datenschutzes nicht eingesetzt werden. Solche technischen und rechtlichen Hindernisse erschweren die Arbeit engagierter Lehrkräfte. Von Lehrkräften und Schulen, die technischen Erneuerungen eher skeptisch gegenüberstehen, werden sie als Grund dafür angeführt, diese gar nicht erst einzusetzen.
3. Unpassende Formate und Zustellung der Aufgaben
Laut Forsa-Umfrage...

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Fakten zum Artikel
aus: Lernende Schule Nr. 91 / 2020

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